Im Jahre 1886 hatte sich um Gauguin und Emile Bernard in der bäuerlichen Landschaft der Bretagne eine Künstlergruppe zurückgezogen, die sich von der Hektik und dem Erfolgszwang der Großstadt bewußt fernhielt. Der Aufenthalt in der Provinz war nicht einfache Nostalgie nach dem unbekümmerten Landleben, sondern Suche nach den Quellen der Kunst, nach der Einfachheit und nach dem Geheimnisvollen, nach Mythen und religiösen Bräuchen der Bretonen.

Im Rückgriff auf die Technik sakraler Glasmalerei und auf den schattenlosen japanischen Holzschnitt entwarf Gauguin die „Vision nach der Predigt“:

Paul Gauguin, 1848-1903
Vision nach der Predigt, 1888
Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm
Edinburgh, National Gallery of Scotland 

Eine Gruppe im Halbkreis sitzender Bäuerinnen mit gefalteten Händen und andächtig gesenktem Blick bildet eine Arena, die in grellem Zinnoberrot aufleuchtet. Ein diagonal geneigter Baumstamm trennt die Ringergruppe von einer links ins Bild laufenden Kuh. Es handelt sich um die alttestamentarische Szene des Kampfes von Jakob mit dem mythischen Engel. Feste Konturen bannen die leuchtenden Farben, die nicht mehr punktförmig, sondern in geschlossenen Flächen das Bild füllen. Gauguin erfaßt das Ereignis der frommen Frauen beim Gebet, als fände es in der Bretagne selbst statt. Wirklich sind hier nur die Menschen, visionär der Kampf, der sich – so Gauguin – in der Phantasie der Frauen abspielt.

Die Faszination einfacher Kulturen sollte Gauguin 1891 nach Tahiti führen. „Der Geist der barbarischen Götter“, den er dort spürte, schien ihm ungleich natürlicher als jede andere Lebensform. Leuchtende und reine Farben in festen Linien bestimmen zunehmend seine Bilder, die Traum und Wirklichkeit, Mythos und Paradies einschließen.

Der vorstehende Artikel ist ein Beitrag aus dem Buch

Die Malerei des 20.Jahrhunderts“

von Gottlieb Leinz, das auch die hier gezeigten Bilder beinhaltet.

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