Anlässlich des 350. Todestages Rembrandt Harmensz. van Rijn präsentieren wir auf dieser Seite in regelmäßiger Folge eine Serie von Artikeln, die dem großen Meister – seinem Leben und seinem Werk – gewidmet sind.  

Rembrandt wird am 15.Juli im niederländischen Leiden geboren und verstirbt am 4. Oktober 1669 in Amsterdam.

Das oben gezeigte Selbstporträt schuf Rembrandt im Jahre 1655. Im Jahr darauf, 1656, musste er durch Einleitung eines Konkurses seinen finanziellen Ruin erleben, wodurch er nicht nur sein gesamtes Vermögen sondern auch seine Unabhängigkeit als Maler verlor.

Rembrandt und sein finanzieller Ruin

Die letzten dreizehn Jahre in Rembrandts Leben sind in den Biographien meist als die entbehrungsreichsten des Malers geschildert worden. Verlassen von aller Welt soll Rembrandt in Armut gelebt haben. Seine Malerei sei das einzige gewesen, das ihn am Leben erhielt. Dieses Bild, das in seiner Biographie häufig zu finden ist, wurde inzwischen allerdings deutlich korrigiert. Veröffentlichte Dokumente geben Aufschluss darüber, dass Rembrandt in den fünfziger Jahren zwar nicht mehr die volle Anerkennung der Amsterdamer Gesellschaft besaß, seinen Platz unter den Kunstschaffenden aber durchaus behaupten konnte. Auch wenn er nicht über Reichtümer verfügte, so mangelte es ihm nicht an Geld. 

Vor allem aber schuf er für die Nachwelt in diesen Jahren als reifer Mann seine schönsten Gemälde.

Rembrandts Konkurs

Am 10. Juli 1656 beantragte Rembrandt aufgrund seiner privaten wie geschäftlichen Finanzlage eine Form der Insolvenz, die als Cessio bonorum bekannt war. Schon die Tatsache, dass er dies tat, ohne dazu unmittelbar gezwungen zu werden, ist von vielen Biographen übersehen worden. Darüber hinaus ist sein Umgang mit Geld überhaupt sehr unterschiedlich interpretiert worden, auch wenn den Verfassern dieselben Quellen für ihre Recherche zur Verfügung standen. So war beispielsweise bei einigen Autoren zu lesen: „…mit der Unbekümmertheit einer genialen, und unpraktischen Natur verschwendete er und streute mit offenen Händen aus, wo es galt, etwas ihm Kostbares einzutauschen … 

Der eigentlichen Grund für den finanziellen Ruin ist sicherlich in dem Hauskauf von 1639, zu suchen, den ihm das Verlangen nach Eigenem und Zurückgezogenheit aufgenötigt hatte. Für eine Weile vermochte den völligen Bankerott die Unterstützung seiner Gönner – vor allem die des Amsterdamer Bürgermeisters Six – aufzuhalten. Im Jahre 1656 kamen Rembrandts Haus, seine gesamte Habe, darunter die sehr bedeutenden Sammlungen, jedoch unter den Hammer.“ Von einem heruntergekommenen Rembrandt und seiner Einsamkeit ist anschließend die Rede. Nur drei Dinge seien ihm wichtig gewesen: seine Kunst, sein Sohn und seine Geliebte.

Rembrandt selbst scheint unter den Umständen, die er herbeigeführt hat, nicht so sehr gelitten zu haben. Kunsthistoriker schätzen Rembrandts Situation sehr viel realistischer ein.“ Sie sehen in ihm einen marktorientierten Künstler, der innerhalb des „sich entwickelnden kapitalistischen Marktsystems eine Lücke für seine Kunst“ suchte. Rembrandts Art, Schulden zu machen und dafür noch nicht geschaffene Gemälde als Sicherheit anzubieten, waren ein Geschäftsmodell, bei dem er mit der Spekulationsbereitschaft seiner Kunden und Gläubiger rechnete. „Statt diensteifriger Beflissenheit oder einem Gefühl der Verpflichtung stand hinter seinem Umgang mit Käufern und Bestellern eher ein geld- und marktwirtschaftliches Kalkül. Rembrandt fühlte sich offenbar wohler dabei, wenn er seine Gemälde durch Transaktionen mit Gläubigern in Umlauf brachte, statt vor Auftraggebern zu katzbuckeln.“

Rembrandt war vor allem darauf aus, den Marktwert seiner Kunst zu steigern. Auf Auktionen kaufte er viele seiner Radierungen zu Höchstpreisen zurück. Das berühmteste Beispiel ist seine Radierung „Christus heilt die Kranken“, die er selber für hundert Gulden auf einerAuktion ersteigerte und die bis heute unter der Bezeichnung „Hundertguldenblatt“ bekannt ist.

Christus heilt die Kranken, Das Hundertguldenblatt,
Radierung, 28,3 x 39,5 cm, um 1648/50, Amsterdam, Rijksprentenkabinet

Dieses Prinzip, den Wert seiner Kunstwerke zu steigern, indem er sie für Höchstpreise zurück erwarb, kostete Rembrandt ein Vermögen. Hierin und in der Leichtfertigkeit, mit der er sich Geld lieh, sind wahrscheinlich die Gründe für seinen Konkurs zu suchen. 

In Geldnöten war Rembrandt bereits bei seinem Hauskauf 1639 gewesen. 13000 Gulden sollte das Haus kosten, das er für Saskia und sich in der Breestraat erwarb. Trotz des Vermögens von 40700 Gulden, das Saskia mit in die Ehe gebracht hatte, war er insolvent und konnte die 1200 Gulden Anzahlung nicht leisten. Damals vollendete er mit großer Verspätung die zwei letzten Gemälde für den Statthalter in Den Haag, die ihm genau diese Summe einbrachten (vgl. Kap. III). Bei Abschluss des Kaufvertrages für das Haus versprach er, die restliche Summe innerhalb der nächsten fünf Jahre abzugelten. Doch 1653 standen immer noch 8470,14 Gulden aus, die der Erbe des Verkäufers nun einzutreiben gedachte. Daraufhin lieh sich Rembrandt bei einigen ihm wohlgesinnten reichen Bürgern der Stadt insgesamt 9180 Gulden, die er versprach, innerhalb eines Jahres zurückzuzahlen. Das allein war schon Utopie, und das Haus zahlte er immer noch nicht ganz ab, sondern er ließ eine Restschuld von 1000 Gulden stehen.

Ansicht des Rembrandthauses in der Breestraat in Amsterdam

1655 veranlasste er bei der Waisenkammer die Überschreibung seines Hauses auf  seinen SohnTitus, in der Hoffnung, dass es dadurch dem Zugriff der Gläubiger entzogen werde. Dieser Schachzug erwies sich

jedoch als vollkommen sinnlos, da Titus das gut gemeinte Testament seiner Mutter Saskia außer Rembrandt keinen anderen Vormund besaß. 

Hätte Saskia ihren Ehemann Rembrandt nicht zum alleinigen Vormund ihres gemeinsamen Sohnes bestimmt, wäre die Waisenkammer nach ihrem Tod gezwungen gewesen, ein Inventar der Erbschaft anzulegen, die Titus rechtmäßig zustand.

Dieses Erbe wäre Rembrandts Zugriff entzogen gewesen, und auch die Gläubiger hätten darauf keinen Anspruch anmelden können. Stattdessen ließen die Gläubiger von dem verschuldeten Maler nicht mehr ab, und Rembrandt wusste sich nur noch aus der Affäre zu ziehen, indem er beim Hohen Rat in Den Haag eine sogenannte „Cessio bonorum“, eine Art Zahlungsaufschub, beantragte. 

Sie wurde dann gewährt, wenn Bürger ohne eigenes Verschulden zahlungsunfähig wurden. Als Begründung gab Rembrandt an, dass er Verluste zu Wasser und zu Lande gehabt hätte. Daraus kann man schließen, dass er nebenbei auch in Geschäfte mit dem Seehandel verwickelt war, der im Seekrieg zwischen England und den Niederlanden 1652-1654 große Verluste erlitten hatte.

Der Antrag auf eine „Cessio bonorum“, die ihm gewährt wurde, hatte einerseits zur Folge, dass von seinem Besitz soviel versteigert werden musste, wie nötig war, um die Gläubiger auszuzahlen; andererseits kam er nicht ins Schuldgefängnis. Reichte der Besitz nicht aus, um die geforderte Summe aufzubringen, konnten ihn die leer ausgegangenen Gläubiger erst wieder nach einer gewissen Frist belangen. Den Forderungen, die nach Ablauf dieser Frist an ihn gestellt wurden, musste er nur dann nachkommen, wenn er eigenes Kapital besaß.

Damals wurde ein Inventar angelegt, das genau belegt, was Rembrandt besaß. Seine Sammlung umfasste neben eigenen Gemälden, Zeichnungen und Radierungen eine stattliche Anzahl von Bildern und graphischen Arbeiten holländischer, flämischer, deutscher und italienischer Meister, Gipsabgüsse bedeutender Skulpturen, Bücher, Musikinstrumente, Orientalia, Waffen, Rüstungen, Mineralien, Abgüsse von Flora und Fauna, aber auch Muscheln, ausgestopfte Tiere u.ä. 

Im Dezember 1657 fand die erste Versteigerung statt, die lediglich 3094 Gulden erbrachte. Diese Summe steht in keinem Verhältnis zum Wert der Sammlung, und es scheint, dass sich die Käufer vorher abgesprochen hatten, möglichst niedrig zu bieten. Daraufhin wurde das Haus zwangsversteigert. Es brachte 2000 Gulden weniger ein, als Rembrandt seinerzeit dafür bezahlt hatte. Ein letzter Schritt war die Versteigerung seiner graphischen Sammlung. Der Gesamterlös betrug 15000 Gulden. Damit konnten seine Gläubiger nicht befriedigt werden und zudem hatte Titus sein Erbe verloren. Es schlossen sich Prozesse der verschiedenen Gläubiger an. Der Vormund, der inzwischen für Titus eingesetzt worden war, erreichte es, dass dieser 1665 die Hälfte des Erlöses aus der Versteigerung erhielt, das heißt, einer der Gläubiger musste die inzwischen erhaltene Summe zurückzahlen.

Verlust der Unabhängigkeit

Nach dem Auszug aus der Breestraat gründeten Hendrickje und Titus eine Kunsthandlung, in der sie Rembrandt formell anstellten. Alles, was er produzierte, gehörte ihnen, die Gläubiger hatten also keinen Zugriff darauf. De jure arbeitete er für Kost und Logis und besaß selber keinen Pfennig Geld. De facto baute er sich eine neue Kunstsammlung auf, machte weiterhin Schulden, verpfändete Gemälde, die nie fertig wurden, und blieb den Gläubigern so immer wieder hohe Summen schuldig. Titus bemühte sich um Aufträge, die Rembrandt auch ausführte. Er schuf – wie damals, als er bei Uylenburgh angestellt war – außerordentlich viele Werke.

Das Finanzgebaren Rembrandts wurde überwiegend als Unfähigkeit interpretiert, richtig mit Geld umzugehen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob diese Interpretation richtig ist. Seine Strategie, mit dem Geld anderer Leute zu arbeiten, sich ein Haus zu kaufen, ohne es zu bezahlen und statt dessen von dem Geld eine Kunstsammlung anzulegen sowie seine eigenen Werke zurück zu erwerben, um sie wertvoller zu machen, hat über viele Jahre funktioniert. Das bewusste Risiko, das er einging, führte erst nach über zwanzig Jahren dazu, dass er seinen Besitz, der ihm nie richtig gehört hatte, abstoßen mußte. Er hatte die Prinzipien des Kapitalismus durchschaut und handelte danach, auch als er sich bei Hendrickje und Titus anstellen ließ, um den Gläubigern zu entgehen. Es ist also nicht angemessen, von dem verarmten Künstler zu sprechen, der zehn Jahre vor seinem Tod allein und mittellos war und dem so übel mitgespielt wurde. Rembrandt hat immer genügend Geld verdient, um ein angenehmes Leben führen zu können, und er schuf in seinem letzten Lebensjahrzehnt in relativer Unabhängigkeit von  Auftraggebern und geschäftlicher Verantwortung – um diese kümmerten sich Hendrickje und Titus – seine stilistisch und von der Komposition her sichersten, von allen Konventionen unabhängigen Werke.

Quellennachweis:

Text und Bilder sind vom Rechteinhaber autorisierte Auszüge des Werkes:
REMBRANDT  Zijn Leven & zijn Werk, von Susanna Bartsch 

© Originalausgabe 1994 by: VBI / Royal Smeets b.v., Weert, Holland.
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