Anlässlich des 350. Todestages Rembrandt Harmensz. van Rijn präsentieren wir auf dieser Seite in regelmäßiger Folge eine Serie von Artikeln, die dem großen Meister – seinem Leben und seinem Werk gewidmet sind.  

Rembrandt wird am 15.Juli im niederländischen Leiden geboren und verstirbt am 4. Oktober 1669 in Amsterdam.

Das oben gezeigte Selbstporträt schuf Rembrandt im Jahre 1643 auf dem Höhepunkt seines Ruhms – Rembrandt gilt zu dieser Zeit als angesehenster Maler Amsterdams.

Rembrandt und die Nachtwache

Die sogenannte „Nachtwache“ ist heute das berühmteste Gemälde von Rembrandt und gehört darüber hinaus zusammen mit der „Mona Lisa“ zu den bekanntesten Gemälden der europäischen Malerei. In Holland gilt es seit dem 19. Jahrhundert als eine Art Nationalheiligtum.

Nach neuesten Erkenntnissen erhielt Rembrandt im Jahre 1640 den Auftrag, ein Gruppenportrait der Büchsengilde von der der Kompagnie des Frans Banning Cocq zu malen. 1642 war das Gemälde vollendet. Erst Ende des 18. Jahrhunderts erhielt es seinen heutigen Titel: „Die Nachtwache„. 

Die Gilde der Büchsenschützen war die jüngste unter den Schützengilden in Amsterdam, deren älteste, die Armbrustgilde, seit dem Mittelalter bestand. Später kam die Handbogengilde hinzu, 1520 dann die Büchsenschützen, die „Kloveniers“. Diese Schützengilden hatten die Aufgabe, die Stadt in Notzeiten zu verteidigen, Nachtwache zu halten und bei feierlichen Anlässen eine Parade zu bilden. 1580 wurden sie in die Bürgerwehr integriert, behielten aber ihre alten Namen und Gildehäuser, die Doelen (Zielhäuser) genannt wurden, bei. Die Größe der Stadt machte es erforderlich, einzelne Kompagnien zu gründen.

In den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts wurde für die Kloveniers ein neues Schützenhaus gebaut. Der Festsaal sollte mit sechs Gruppenportraits der einzelnen Kompagnien und einem der Hauptleute geschmückt werden. Es war das bislang größte Projekt dieser Art, das in den Niederlanden in Angriff genommen wurde. Zwischen 1638 und 1645 gingen sieben Aufträge an in Amsterdam bekannte Maler. Rembrandt war darunter, aber auch seine ehemaligen Schüler Govert Flinck und Jacob Backer (1608-1651) sowie der Deutsche Joachim von Sandrart. Die Wandabschnitte waren für die einzelnen Bilder vorher festgelegt worden, so dass die Maler über Größe und Position, d.h. Höhe der Hängung und Lichteinfall, genauestens informiert waren. Die einzelnen Kompagnien waren in der Wahl des Malers unabhängig. Rembrandt sollte die Kompagnie von Frans Banning Cocq malen. Den Quellen zufolge handelte es sich um sechzehn Personen, die bereit waren, für das Porträt je nach ihrer Stellung im Bild nicht mehr oder weniger als 100 Gulden zu zahlen. Insgesamt erhielt der Maler 1600 Gulden. Warum er in dem Gemälde, das mehr als die sechzehn zahlenden Personen zeigt, innerhalb der Kartusche, die am Torbogen im Hintergrund angebracht ist, achtzehn Namen aufführte, weiß man nicht. Durch die urkundlich belegten Zeugenaussagen von 1659 bei dem Verfahren um das Erbe Saskias, auf das Titus, Rembrandts Sohn, einen Anspruch hatte, ist nicht nur der Preis des Gemäldes bekannt, sondern es ergibt sich auch ein Anhaltspunkt für den Zeitpunkt der Bezahlung und somit für den der Fertigstellung des Bildes (vor Saskias Tod im Juni 1642).

Die sogenannte „Nachtwache“ ist heute das berühmteste Gemälde von Rembrandt und gehört darüber hinaus zusammen mit der „Mona Lisa“ zu den bekanntesten Gemälden der europäischen Malerei. In Holland gilt es seit dem 19. Jahrhundert als eine Art Nationalheiligtum. Diese Verehrung brachte es mit sich, dass sich Mythen und Legenden um dieses Bild spannten, abgesehen von den unterschiedlichen Deutungen, mit denen ganze Kunsthistoriker-Generationen aufgewartet haben.

Der Legende nach hatte die „Nachtwache“ den Ausschlag dafür gegeben, dass Rembrandts Blatt sich wendete und der Erfolg seither ausblieb. Die Portraitierten waren angeblich mit der Art des Gruppenportraits, bei dem sie handelnd dargestellt sind, nicht einverstanden. Kurz, die Zeitgenossen verkannten das Bild und den Maler völlig, und erst im 19. Jahrhundert wurden die Fähigkeiten Rembrandts und vor allem die Bedeutung dieses Bildes voll erkannt. Auf dem Bild war der Firnis inzwischen stark nachgedunkelt, und so konnte das Gemälde als ein hervorragendes Beispiel für die Helldunkelmalerei gelten. Offensichtlich zeigte es eine nächtliche Szene, in der die Büchsenschützen agierten, also eine Nachtwache. Diese Idee wurde allerdings später verworfen, und Überlegungen wurden darüber angestellt, um was für einen Vorgang es sich tatsächlich handeln könne. Fest stand, dass hier entweder eine historische Begebenheit oder eine Szene aus einem bekannten Theaterstück mit historischem Inhalt wiedergegeben war. Soweit die Legendenbildung, die bis heute nachwirkt. Doch wenn man die zeitgenössischen Quellen liest, kann man ersehen, dass das Bild keineswegs von allen Seiten abgelehnt wurde. Im Gegenteil, die Innovationen wurden gewürdigt, wenn auch wie bei allen Neuerungen kritische Stimmen laut wurden.

Aus dem Familienalbum des Frans Banning Cocq mit Kopie der Nachtwache, ca. 1650, Aquarell, 14,2 x 18 cm, Amsterdam Rijksmuseum

 Im Familienalbum von Frans Banning Cocq, dem Hauptauftraggeber der „Nachtwache“, sind dem Bild zwei Seiten gewidmet. Rechts befindet sich eine aquarellierte Kopie des Gemäldes, links ein Text, der besagt: „Skizze des Gemäldes in der großen Halle des Schützenhauses, in welchem der Junge Herr von Purmerlandt als Kapitän seinem Leutnant, dem Herrn von Vlaerdingen, den Befehl erteilt, daß seine Bürgerwehr abmarschiert.“ Wäre Cocq mit dem Bild ganz und gar nicht einverstanden gewesen, hätte er es wahrscheinlich nicht für das Familien-album skizzieren lassen.

1678 schrieb der Kunsttheoretiker und Schüler Rembrandts, Samuel van Hoogstraeten, im ersten Kapitel des fünften Buches seiner „Einführung in die Schule der Malkunst“ folgende aufschlussreiche Sätze über das Bild: 

„Es ist nicht genug, dass ein Maler seine Bildnisse reihenweise nebeneinander ordnet, wie man es hier in Holland in den Schützenhäusern nur zu oft sieht. Die echten Meister bringen es fertig, dass ihr Werk einem einheitlichen Gedanken unterworfen wird … Das hat Rembrandt in seinem Stück im Schützenhaus von Amsterdam sehr wohl, nach der Meinung vieler zu stark getan, in dem er sich mehr um das große Bild in seiner Gesamtkonzeption kümmerte als um die einzelnen Portraits, die ihm aufgetragen waren. Und doch wird dieses Bild, sei es auch noch so angreifbar, meiner Meinung nach alle Werke seinesgleichen überdauern, weil es so malerisch konzipiert, so kunstvoll in der Komposition und so kräftig ist, daß sich nach dem Eindruck vieler alle anderen Schützenstücke wie Spielkarten ausnehmen. Wenn ich auch gewollt hätte, dass er mehr Licht in das Bild gebracht hätte.“

Abgesehen von dem vorausschauenden Urteil, dass die „Nachtwache“ alle anderen Schützenstücke überdauern würde, geht aus dem Text hervor, dass Rembrandt in der Gesamtkomposition den Forderungen der Kunsttheoretiker entsprach. Die Mehrzahl der Kunstliebhaber wusste offensichtlich die Qualität des Bildes zu schätzen. Das Lob, das Hoogstraeten aussprach, ist schon deshalb glaubwürdig, weil der ehemalige Rembrandt-Schüler in der Zeit, als er seine Abhandlung schrieb, den Stil seines Lehrers eigentlich ablehnte.

Auch der letzte Kritiker, der hier zu Wort kommen soll, betonte die Begeisterung der Zeitgenossen, war sich selber in seinem Urteil jedoch nicht ganz schlüssig. 1686 beschrieb Filippo Baldinucci in seiner Rembrandt-Biographie (vgl. Kapitel I ): „Er malte ein großes Bild auf Leinwand, das im Hause der Kloveniers untergebracht ist und in welchem er eine Abteilung einer Bürgergarde, wie sie dort vorkamen, portraitierte. Dies brachte ihm einen solchen Ruhm ein, wie er kaum je einem Maler in jenem Lande zuteil geworden. Der Grund hierfür, mehr als alles andere, war, dass unter den Figuren eine dargestellt ist, die im Marschieren einen Fuß erhoben hat und in der Hand eine Partisane trägt, in so vortrefflicher Verkürzung dargestellt, dass der Schaft der Waffe, obgleich er auf der Bildfläche nur eine Elle einnimmt, dennoch dem Auge in voller Länge erscheint. Das übrige aber ist so sehr verworren und durcheinander, dass man kaum eine Figur von der anderen unterscheiden kann, obschon alle genau nach den lebenden Modellen studiert sind. Zu seinem Glücke aber bewunderten seine Zeitgenossen das Bild über die Maßen, und er erhielt dafür eine Zahlung von 4000 Goldgulden.“

Wenn sich Baldinucci auch im Preis geirrt hat, so ist es doch wahrscheinlich, daß seine Aussagen über die Begeisterung, die das Bild auslöste, stimmen, da er als seine Quelle für die Informationen über Rembrandt dessen Schüler Bernhardt Keil (geb. 1624) angibt, der zwischen 1642 und 1644 im Rembrandtschen Atelier arbeitete und so die Vollendung und Aufnahme der „Nachtwache“ aus nächster Nähe erlebt haben muss.

Auch wenn die Quellenlage über die Entstehung der „Nachtwache“ somit ausgezeichnet ist, kann die Bedeutung des Bildes nur durch Indizien bestimmt werden. Der Suche nach einer realen Begebenheit, die als Vorlage gedient haben könnte, wie z.B. die des Empfangs der Maria de‘ Medici im Jahre 1638 in Amsterdam, wurde schon seit der zweiten Dekade dieses Jahrhunderts die Überlegung entgegengestellt, dass es sich eher um eine symbolische Darstellung handele. Aufgrund neuester Forschungen kommt nun das „Rembrandt Research Project“ zu dem Schluss, dass es sich bei der „Nachtwache“ um ein „Rollenportrait“ mit allegorischen Anspielungen handelt. Diese Interpretation wird in die nachfolgende Beschreibung des Bildes mit einfließen.

Das Gemälde, das heute 363 x 438 cm groß ist, wurde 1715 vom Kloveniersdoelen ins kleine Kriegsratzimmer des Rathauses von Amsterdam überführt. Bei dieser Gelegenheit wurde es beschnitten. Man nimmt an, dass es ursprünglich 393 x 515 cm maß. Das  oben abgebildeteAquarell aus dem Familienalbum von Frans Banning Cocq zeigt vor allem links noch weitere Figuren. Diese Verkleinerung beeinträchtigt den Gesamteindruck, zumal sich das Verhältnis von Höhe zu Breite verändert hat.

Vor einem großen Torbogen haben sich die Büchsenschützen versammelt. Eine militärische Ordnung ist jedoch nicht erkennbar. Im Vordergrund, durch die Beschneidung zu sehr an den Bildrand gerückt, steht an zentraler Stelle Frans Banning Cocq. Seine Kleidung und sein Kommandostab weisen ihn als Kapitän aus. Wie dem Text in seinem Familienalbum zu entnehmen ist, erteilt er gerade seinem Leutnant, Willem van Ruytenburgh, den Befehl, die Schützen in Marschordnung aufzustellen. Auch der Leutnant ist entsprechend seinem Rang gekleidet und hält eine Partisane mit verzierter Klinge in der Hand.

Die Kleidung dieser beiden Protagonisten weist sie nicht nur als Ranghöchste in der Kompagnie aus, sondern sie besitzt auch symbolischen Charakter. Cocq ist in den Farben Amsterdams, Schwarz und Rot, gekleidet. Der Schatten seiner Hand, die er ausgestreckt hat, um dem Befehl Dringlichkeit zu geben, fällt genau auf die Stelle in der gestickten Jackenborte des Leutnants, in dem das Wappen Amsterdams, drei untereinander angeordnete Andreaskreuze, von einem Löwen gehalten wird. Überall in die weißgelbe Kleidung des Leutnants ist wie mit dünnen Fäden die Farbe Blau hinein verwoben, was man allerdings nur auf dem Original erkennen kann. Blau und Gelb waren die Farben der Kloveniers. An zentraler Stelle repräsentieren die beiden Hauptfiguren also auch die Stadt und ihre Büchsenschützengilde. Sie sind gleichzeitig Hauptpersonen und Symbolfiguren.

Neben ihnen im Hintergrund wird die Waffe der Kloveniers, das Gewehr, durch drei Personen vorgestellt. Der rot gekleidete Mann links von Cocq füllt Pulver in seine Waffe. Neben ihm, halb verdeckt vom Kapitän, schießt der in eine Rüstung des 16. Jahrhunderts gekleidete Soldat seine Waffe ab. Auf seinem Helm erkennt man frisches Eichenlaub, das Symbol für Bürgertugend und Stärke. Es befand sich auch, in Silber gearbeitet, an der Kette der Kloveniers. Der rot gekleidete Mann rechts hinter dem Leutnant bläst das verbliebene Pulver nach dem Schuss von seinem Gewehr. Der Gebrauch der Waffe wird also durch drei Personen demonstriert, die derart in die Handlung eingebunden sind, dass ihr Symbolgehalt erst bei näherer Betrachtung auffällt. Nicht nur die Darstellung dieser Figuren und ihre Aktivitäten, sondern auch die anderen Schützen hat Rembrandt ziemlich genau aus dem „Waffenhandbuch“ von Jakob II de Gheyn (1565-1629) von 1608 übernommen, in dem auf mehr als 120 Blättern die einzelnen Handgriffe beim Schießen gezeigt werden.

Eine zentrale Rolle spielt das prächtig gekleidete junge Mädchen (ein zweites hinter ihm ist kaum sichtbar), das sich vordergründig als Marketenderin darstellt, wie sie die Kloveniers gewöhnlich mit Essen und Trinken versorgten. Ihre goldgelbe, mit blauen Fäden verzierte Kleidung verweist wieder auf die Kloveniers. Das Mädchen trägt ein Huhn an seinem Gürtel, dessen Klauen, das Wappenzeichen der Büchsenschützen, besonders gut sichtbar sind. Außerdem hält es das Trinkhorn der Gilde in den Händen. Somit wird es zur Personifikation der Kloveniers, ihr Symbol- bzw. Emblemträger.

Symbolische Handlungen, deren Inhalt sich auf die Stadt und die Gilde beziehen, können bei fast allen Personen entdeckt werden. Die Lanzenträger auf der rechten Seite halten ihre Waffen so, daß sie das Andreaskreuz, das Wappen Amsterdams, bilden. Vordergründig ordnen sich die Männer zum Marsch. Noch bildet die Gruppe keine Ordnung, ist aber im Begriff, sich zu formieren. Auch der Trommler, den Rembrandt ins Bild setzte, ohne daß er für sein Porträt gezahlt hätte, ist schon anwesend. Darüber hinaus hat das Gemälde weitere Themen zum Inhalt. Dazu gehört der Ausdruck des Stolzes, unter den Farben Amsterdams zu dienen, weiterhin die Art und Weise, wie mit Feuerwaffen umzugehen ist.

Genauso wie in seinen ersten Gruppenportraits, der in denen Rembrandt die wissenschaftliche Bedeutung der handelnden Protagonisten hervorgehoben hat, hat er in seiner „Nachtwache“ auf die Bedeutung der Schützen hingewiesen, in dem er drei von ihnen bei der Betätigung ihrer Gewehre zeigte. Real werden vor dem Abmarsch sicher keine Schießübungen stattgefunden haben, vor allem nicht auf so engem Raum. Doch konnte dies als Symbolgehalt des Bildes von den Zeitgenossen entschlüsselt werden. So wurde das Bild nicht nur wegen seines kompositorischen Aufbaus, der die einzelnen Personen in Aktion zeigt, zu Recht gerühmt. Angeregt durch Rembrandt haben auch einige der Maler, die die Aufträge für die anderen Gemälde des Kloveniersdoelen erhielten, versucht, ihre Kompositionen durch Handlung aufzulockern. Dies ist ihnen jedoch nicht in so überzeugender Weise gelungen wie in der „Nachtwache“, und sie waren auch nicht imstande, ihre Bilder auf so unaufdringliche Art mit Symbolen zu versehen.

Anmerkung zu den Bildunterschriften:

In den Bildunterschriften findet sich de Name „Bredius“ gefolgt von einer Zahl. Diese Angabe bezieht sich auf den Katalog von A. Bredius, Rembrandt Gemälde, Wien 1935 

Quellennachweis:

Text und Bilder sind vom Rechteinhaber autorisierte Auszüge des Werkes: 

REMBRANDT  Zijn Leven & zijn Werk, von Susanna Bartsch,
© Originalausgabe 1994 by: VBI / Royal Smeets b.v., Weert, Holland.
© 2002 all rights by: Media Serges, Weert, Holland und Serges Medien, Solingen

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