Anlässlich des 350. Todestages Rembrandt Harmensz. van Rijn präsentieren wir auf dieser Seite in regelmäßiger Folge eine Serie von Artikeln, die dem großen Meister – seinem Leben und seinem Werk gewidmet sind.  

Rembrandt wird am 15.Juli im niederländischen Leiden geboren und verstirbt am 4. Oktober 1669 in Amsterdam.

Das oben gezeigte Selbstporträt schuf Rembrandt im Jahre 1640 in der Blütezeit seines Schaffens. Rembrandt gilt zu dieser Zeit als angesehenster Maler Amsterdams.

Rembrandt und die Landschaftsmalerei

Rembrandt hat nur wenige Landschaften gemalt. Anders als in seinem graphischen Werk, den Zeichnungen und Radierungen, nehmen die Landschaftsdarstellungen bei den Gemälden zahlenmäßig einen eher unerheblichen Raum ein. Stilistisch und kompositorisch waren sie jedoch bahnbrechend. Die Zeitgenossen haben das in der damaligen Zeit jedoch nicht verstanden – wie so oft in der Geschichte der Kunst –  sondern erst die Maler, die Generationen später gelebt und gearbeitet haben.

Die Landschaftsmalerei erfreute sich in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts großer Beliebtheit, auch wenn sie in der Skala der Kunsttheoretiker keinen großen Stellenwert einnahm. Ausgehend von der italienischen Renaissance, wo am Ende des 16. Jahrhunderts die Maler vor allem in Bologna begannen, idealisierte Landschaftsräume darzustellen, setzte sich diese Entwicklung im 17. Jahrhundert fort. Die Reproduktionen von Gemälden durch Stiche und Radierungen, vor allem aber auch die Reisen der Künstler machten es möglich, dass sich Italiener, Franzosen, Flamen und Niederländer gegenseitig beeinflussten. Dadurch entstand jedoch nicht ein allgemein gültiger Typus der Landschaftsmalerei. Die ideale Landschaft erfuhr verschiedene, lokal bedingte Ausprägungen.

In den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts wurde in den Niederlanden die Darstellung der idealen Landschaft weitgehend vom realistischen Landschaftsbild abgelöst, in dem die Spezialisten, die Fachmaler also, die Weite ihres Landes, oft bevölkert von Mensch und Tier, Wiedergaben. Rembrandt war als Historienmaler und Portraitist weit über die Grenzen der Republik bekannt, als er begann, Landschaften zu malen, zu zeichnen und zu radieren. Im Bereich der Graphik schuf er u.a. auch wirklichkeitsnahe Abbilder seiner Umgebung, das heißt von Amsterdam und dem Umland. Im Gemälde konzentrierte er sich dagegen auf die ideale Landschaft, die allgemein doch gerade vom Landschaftsportrait abgelöst worden war. Er vollzog also anscheinend einen Rückgriff und nahm dabei auch noch Stilelemente eines Malers der vergangenen Generation, Hercules Pietersz. Seghers (1589/90-1635/39) auf, der ihn offensichtlich nachhaltig beeinflußt hatte. In dem Inventar von 1656, das anläßlich des angemeldeten Konkurses von Rembrandts Besitz erstellt wurde, sind allein sieben Landschaftsgemälde von Seghers aufgeführt. Ob sich Rembrandt an ihnen direkt geschult hat, ob er Kopien von ihnen anfertigte, wissen wir nicht; doch setzte er das Werk fort, denn ebenso, wie er in Amsterdam erst wieder begann, Historienbilder zu malen, als sein Lehrer Lastmann so krank geworden war, dass er nicht mehr arbeiten konnte, schuf er seine ersten Landschaften erst nach dem Tod von Seghers. In seinen Historien hatte sich Rembrandt damals allerdings bereits weit von seinem Lehrer entfernt. Zu eben derselben Zeit orientierte er sich jedoch in seinen Landschaften sozusagen „rückwärts“, denn sie knüpften unmittelbar an diejenigen von Seghers an. Dadurch ist auch erklärlich, dass Seghers‘ Spätwerk „Gebirgslandschaft“, das um 1630 entstanden war und sich heute in den Uffizien in Florenz befindet, bis 1871 Rembrandt zugeschrieben wurde. Trotz dieses Rückgriffes auf die Malerei von Seghers sind Rembrandts Landschaften alles andere als konservativ, denn in ihrer Expressivität sind sie stilistisch ihrer Zeit weit voraus.

Seghers hatte die Fähigkeit besessen, bestimmte Stimmungen wie Melancholie oder Einsamkeit in seinen Landschaftsdarstellungen auszudrücken, sodass er heute als fortschrittlichster Landschaftsmaler vor Rembrandt und als ein Vorläufer der Romantiker bezeichnet wird. Rembrandt übernahm diese Kompositionen von Seghers und entwickelte sie weiter. Berge, auf denen sich Schlossruinen erheben, steinere Brücken, vor allem aber der von Gewitterwolken dominierte Himmel, der die Landschaft in eine düstere Stimmung taucht, partiell die Sonne helle Flecken werfen lässt, sind die typischen Merkmale der Landschaftsdarstellungen Rembrandts. Er steigerte im Vergleich zu Seghers nicht nur die Helldunkelmalerei, sondern arbeitete auch sehr viel expressiver.


Landschaft mit Steinbrücke, ca. 1638, Holz. 29,5 x 42,5, Bredius 440, Amsterdam, Rijksmuseum

In dem Gemälde „Landschaft mit Steinbrücke“ von 1638 dominiert der Himmel, auf dem schwarze Gewitterwolken aufziehen. Die Sonne findet nur noch punktuell ihren Weg durch die Wolken. Sie taucht eine Hütte und die umstehenden Bäume und Sträucher in ein seltsames grelles, fast weißes Licht. Der Fluss mit den Booten, das Feld und das weit entfernte Dorf, von dem man nur den Kirchturm erkennen kann, sind schon in Dunkelheit gehüllt. 

Landschaft mit dem barmherzigen Samariter, 1638, Holz, 46,5 x 66 cm, Bredius 442, Krakau, Czartorski Museum

Eine ähnlich düstere und merkwürdig anmutende Stimmung hat er in dem Bild „Landschaft mit dem barmherzigen Samariter“ aus dem selben Jahr eingefangen. Im Vordergrund steht ein großer rotbrauner Baum, der die Grenze zwischen einem Hohlweg und der weit sich ausbreitenden Landschaft bildet. Sie ist von der Sonne beschienen, ein gelbes Getreidefeld wird von Bäumen, Büschen, Windmühlen und einem Berg gerahmt. Rechts im Bild erkennt man den barmherzigen Samariter, der den von Räubern überfallenen Mann auf sein Pferd gesetzt hat und nun der nächsten Herberge zustrebt, wie es das Gleichnis im 10. Kapitel des Lukas-Evangeliums berichtet. Unter den anderen Figuren mögen sich rechts der Priester und der Levit befinden, die den Überfallenen nicht beachtet hatten und weiter ihres Weges zogen. Unter dem Baum schießen Jäger auf Vögel. Sie haben mit der Geschichte nichts zu tun, sind lediglich Staffage in der Landschaft.

Dieser rechte Teil des Bildes, in den kaum erkennbar die Erzählung eingebunden ist, wird von schwarzen Gewitterwolken überschattet. Der Baum in der Mitte des Bildes reckt sich wie eine große Flamme in den schwarzen Himmel. Unweigerlich drängt sich der Vergleich mit den Zypressen auf, die Vincent van Gogh (1853-1890) über zweihundert Jahre später gemalt hat. Van Gogh ist stark von dem malerischen Werk Rembrandts beeinflusst gewesen und hat etliche seiner Bilder kopiert. Hier entsteht jedoch der Eindruck, dass Rembrandt eine Entwicklung vorausgenommen hat, die erst Ende des 19. Jahrhunderts wieder aufgenommen wurde. Solch eine Landschaft betrachtend, begreift man das Urteil, das ein kunstverständiger Jurist aus Utrecht bereits 1628 nach einem Besuch in Leiden notierte: „Der Leidener Sohn eines Müllers gilt viel, aber vor der Zeit.“

Rembrandts Bilder waren demnach zu modern für seine Zeitgenossen. Nach 1628 und bis sich der klassisch höfische Stil um die Mitte des Jahrhunderts durchsetzte, hatten Rembrandts Innovationen in der Portraitmalerei, im Historienbild und im Künstlerportrait dennoch Erfolg gehabt. Doch mit seinen Landschaftsbildern ging er dem Publikum offensichtlich zu weit. Die Entwicklung drängte in andere, scheinbar objektivierbare Bahnen, die sich unter anderem im möglichst veristischen Landschaftsbild manifestierten. Der Rückgriff auf den Typus der idealen Landschaftsdarstellung, kombiniert mit gefühlsmäßigen Äußerungen, die sich auch noch in einer stilistischen Innovation, in Expressivität ausdrückten, war damals nicht gefragt. So war ihm mit diesen Landschaften nicht viel Erfolg beschieden. In dem  Inventarverzeichnis, das nach Rembrandts Konkursanmeldung erstellt wurde, sind lediglich zehn Gemälde mit Landschaftsdarstellungen des Malers aufgelistet. Viel mehr Bilder mit diesem Sujet kann er nicht gemalt haben. Allerdings werden nur sieben der heute bekannten Gemälde inzwischen für authentisch erklärt. Die restlichen sollen Arbeiten von Rembrandts Schülern sein.

Anmerkung zu den Bildunterschriften:

In den Bildunterschriften findet sich de Name „Bredius“ gefolgt von einer Zahl.
Diese Angabe bezieht sich auf den Katalog von A. Bredius, Rembrandt Gemälde, Wien 1935

Quellennachweis:

Text und Bilder sind vom Rechteinhaber autorisierte Auszüge des Werkes:
REMBRANDT  Zijn Leven & zijn Werk, von Susanna Bartsch,
© Originalausgabe 1994 by: VBI / Royal Smeets b.v., Weert, Holland.
© 2002 all rights by: Media Serges, Weert, Holland und Serges Medien, Solingen

Beitrag drucken