Anlässlich des 350. Todestages RembrandtAnlässlich des 350. Todestages Rembrandt Harmensz. van Rijn präsentieren wir auf dieser Seite in regelmäßiger Folge eine Serie von Artikeln, die dem großen Meister – seinem Leben und seinem Werk gewidmet sind.  

Rembrandt wird am 15.Juli im niederländischen Leiden geboren und verstirbt am 4. Oktober 1669 in Amsterdam.

Das oben gezeigte Selbstporträt schuf Rembrandt im Jahre 1629 während seiner Schaffensperiode gemeinsam mit Lan Lievens in Leiden.

Rembrandt und Jan Lievens – eine Künstlerfreundschaft

Jan Lievens
Selbstbildnis um 1629

Lange Zeit war sich die Forschung darüber einig, dass Jan Lievens (1607-1674) und Rembrandt in Leiden ein gemeinsames Atelier besaßen. Außerdem wurde nicht angezweifelt, dass der ein Jahr jüngere Lievens immer im Schatten Rembrandts stand. Diese Ansichten mussten inzwischen revidiert werden. Über Jan Lievens Werdegang sind wir durch die ausführlichen Aufzeichnungen in Jan Orlers „Beschreibung der Stadt Leiden“ von 1641 recht genau informiert.

Er besuchte nicht, wie Rembrandt, die Lateinschule, sondern kam bereits mit acht Jahren zu einem Maler in die Lehre. Zwei Jahre später schickte der Vater ihn zu Lastmann nach Amsterdam. Als er zwölf Jahre alt war, kehrte er nach Hause zurück und arbeitete seitdem als selbständiger Maler. Stilistisch hatte die Zeit bei Lastmann keinen sonderlichen Eindruck bei ihm hinterlassen. Er wandte sich den Utrechter Caravaggisten und Haarlemer Klassizisten zu, den damals modernsten Strömungen in der holländischen Malerei. Als Rembrandt aus Amsterdam wieder nach Leiden zurückkehrte, war Lievens dort bereits ein anerkannter Maler.

Jan Orlers widmete  in seinen Aufzeichnungen Lievens‘ einen sehr viel ausführlicheren Text als Rembrandt. Er beschrieb einzelne Bilder, nannte Besitzer von Gemälden, kurz, er sah in Lievens den sehr viel bedeutenderen Maler. Ein gemeinsames Atelier erwähnte er jedoch nicht. Ob dieses existierte, muss im Bereich der Spekulation bleiben. Tatsache ist jedoch, dass die beiden Künstler bald in einem regen Austausch standen. Rembrandt malte vor allem Historienbilder im kleinen Format, Lievens‘ großformatige Halbfigurenbilder. Doch profitierte Rembrandt von dem Einfluss, den die Caravaggisten auf Lievens ausgeübt hatten. Aufgrund der Anregungen durch Lievens begann er, seine Form der Helldunkelmalerei zu entwickeln. In den ersten Leidener Jahren sah sich Rembrandt durch Lievens Malerei offensichtlich herausgefordert, nach 1628 scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Kunsthistoriker bezeichneten das Verhältnis der beiden Maler zueinander als ein frühes und in der holländischen Kunst der Zeit einmaliges Beispiel einer Künstlerfreundschaft, die mit derjenigen von Georges Braques (1882-1963) und Pablo Picasso (1881-1973) vergleichbar sei. „Und genau wie in diesem Fall war der Künstler, der sich im Laufe der Zeit als der Schwächere erwies, zuerst der Führende.“

Diese Rollen werden den beiden jungen Künstlern auch durch Constantijn Huygens attestiert, dem Sohn von Christinen Huygens (1551-1624), der gleichzeitig Sekretär des Statthalters und des Staatsrates war. Seinen Söhnen, die sich später in dieses Amt teilten, ließ er eine humanistische Bildung zukommen, gestattete es aber Constantijn nicht, seiner Neigung zu folgen und Maler zu werden. Als Sekretär des kunstliebenden Statthalters Frederik Hendrik hatte er später zumindest Gelegenheit, sich als Kenner und Sammler mit der Malerei zu beschäftigen. Constantijn Huygens kam in seiner Funktion als Sekretär des Statthalters 1628 nach Leiden und besuchte dort die damals schon recht bekannten Maler Lievens und Rembrandt. Dieser Besuch hatte für die jungen Künstler weitreichende Folgen, u.a. weil er ihnen Aufträge für den Hof in Den Haag ermöglichte. 

Huygens hat sich in seiner kurze Zeit später verfaßten Autobiographie, einer unschätzbaren Quelle, die erst 1897 bekannt wurde, über seine Eindrücke bei diesem Besuch geäußert. Dabei rühmt er das große Talent der beiden Maler: „…die Jungen verdanken gar nichts ihren Lehrern und alles ihrer eigenen Begabung. Tatsächlich bin ich überzeugt, selbst wenn niemand ihnen ein Beispiel gegeben hätte, selbst wenn sie ihr ganzes Leben lang nur auf sich selbst gestellt wären, hätten sie mit der starken Neigung zur Malerei, die sie entwickelten, die gleiche Größe erlangt, die sie jetzt – unter Anleitung, wie die Menschen irrtümlich meinen – erreicht haben.“

Huygens übt zwar auch Kritik, indem er ihre „Allesbesserwisserei“ hervorhebt. Seinen Vorschlag, Listen über ihre geschaffenen Werke zu führen, schlugen sie genauso aus wie seine dringende Empfehlung, einige Monate nach Italien zu fahren, um die Werke Raffaels und Michelangelos vor Ort zu studieren. „Wie schnell wären sie dann in der Lage, alle tatsächlich zu übertreffen, so dass die Italiener nach Holland kämen…“ In diesen Worten Huygens‘ drückt sich Nationalstolz aus, aber als Humanist ist er dennoch der Meinung, dass der Weg eines vortrefflichen Künstlers (immer noch) über Italien führen muss. 

Jan Lievens, den er für den besseren Portraitisten hält und von dem er sich auch folgerichtig malen läßt, widmet er wesentlich mehr Raum als Rembrandt. Ebenso wie Jan Orlers misst er ihm die größere Bedeutung bei. Doch erkennt er auch Vorzüge Rembrandts, die Lievens nicht besitzt. Seine Charakterisierungen Rembrandts sind absolut treffend:

„Rembrandt übertrifft Lievens in der Fähigkeit, in den Kern seines Themas vorzudringen und dessen Wesen herauszuarbeiten; seine Werke wirken auch lebendiger … Rembrandt… ist von der Anstrengung besessen, in Farbe wiederzugeben, was er vor seinem geistigen Auge sieht; er bevorzugt kleinere Formate, in denen er nichtsdestoweniger Wirkungen erzielt, die du in den größten Werken anderer Maler nicht antreffen wirst.“

Diesen allgemeinen Bemerkungen folgt eine Bildbeschreibung des Gemäldes „Judas bringt die dreißig Silberlinge zurück“, das Rembrandt 1629 schuf. Das Bild hatte damals einen großen Erfolg, zahlreiche Kopien kursierten recht bald. Durch Huygens‘ ausführliche interpretierende Beschreibung besitzen wir ein seltenes Zeugnis darüber, was Rembrandts Zeitgenossen beim Anblick eines solchen Bildes empfanden:

Judas gibt die dreißig Silberlinge zurück, 1629, Holz, 79 x 102.3,
Bredius-Gerson 539A, England, Privatbesitz

„Das Gemälde des reuigen Judas, der dem Hohepriester die Silberlinge zurückgibt, der Lohn für den Verrat an unserem unschuldigen Herrn, veranschaulicht das, was ich für alle seine Werke sagen möchte. Es kann dem Vergleich mit allem, was je in Italien gemacht wurde, standhalten, oder eigentlich mit allem Schönen und Bewundernswerten, das seit dem frühesten Alterum erhalten ist. Diese eine Geste des verzweifelten Judas – diese eine Geste, sage ich, eines rasenden, jammernden Judas, der um Vergebung fleht, auf die er nicht länger hofft oder das kleinste Zeichen von Hoffnung zu zeigen wagt, sein furchtbares Antlitz, die Haare vom Haupt gerissen, sein Gewand zerrissen, seine Arme ringend, die blutleeren Hände ineinander verkrallt, in einem blinden Gefühlsausbruch auf die Knie gestürzt – diesen Körper, der sich in mitleiderregender Verzweiflung windet, setze ich allen gefälligen Kunstwerken der Vergangenheit entgegen und empfehle ihn der Aufmerksamkeit all der Nichtwisser …, die behaupten, dass unser Zeitalter nicht in der Lage ist, etwas zu schaffen oder zu sagen, was nicht schon besser von den Alten gesagt oder erreicht wurde. Ich sage dir, dass niemand … jemals sich das vorgestellt (hat) oder vorstellen könnte, was … ein junger gebürtiger Holländer, ein Müller, ein bartloser Knabe getan hat: in der Gestalt eines Mannes so viele verschiedene Einzelheiten zu vereinen und so viele allgemeine Eigenschaften auszudrücken. 

Wahrhaftig, mein Freund Rembrandt, du hast meine Hochachtung. Ilium – selbst ganz Kleinasien – nach Italien übertragen zu haben, war eine geringere Leistung als die dieses Holländers – der kaum jemals seine Heimatstadt verlassen hat -, für die Niederlande die Trophäe künstlerischer Größe von Griechenland und Italien erobert zu haben.“

Für Jan Lievens findet Huygens keine vergleichbaren Worte, auch wenn er ihm mehr Platz einräumt. Im übrigen gingen die beiden Maler auf den Vorschlag von Huygens, sich jeweils auf das Portrait (Lievens) und das Historienbild (Rembrandt) zu spezialisieren, nicht ein. Rembrandt malte weiter auch Portraits, Lievens auch Historienbilder. Und in der Zeit nach 1628 schufen die Maler einige Gemälde mit demselben Thema. Ob hier der bewusste Versuch vorliegt, sich gemeinsam an einem Thema zu versuchen und zu messen, oder einer den anderen herausfordern wollte, muss Spekulation bleiben. So ähnlich sich die Bilder vom Aufbau her auch sind, erkennt man jedoch, daß Huygens ein sicheres Urteil fällte, als er Rembrandt die größere Fähigkeit in der Bewältigung von Historienbildern bescheinigte.

Anmerkung zu den Bildunterschriften:

In den Bildunterschriften findet sich de Name „Bredius“ gefolgt von einer Zahl.
Diese Angabe bezieht sich auf den Katalog von A. Bredius, Rembrandt Gemälde, Wien 1935

Quellennachweis:

Text und Bilder sind vom Rechteinhaber autorisierte Auszüge des Werkes:
REMBRANDT  Zijn Leven & zijn Werk, von Susanna Bartsch

© Originalausgabe 1994 by: VBI / Royal Smeets b.v., Weert, Holland.
© 2002 all rights by: Media Serges, Weert, Holland und Serges Medien, Solingen

Beitrag drucken