Anlässlich des 350. Todestages Rembrandt Harmensz. van Rijn präsentieren wir auf dieser Seite in regelmäßiger Folge eine Serie von Artikeln, die dem großen Meister – seinem Leben und seinem Werk gewidmet sind.  

Rembrandt wird am 15.Juli im niederländischen Leiden geboren und verstirbt am 4. Oktober 1669 in Amsterdam.

Das oben gezeigte Selbstporträt schuf Rembrandt im Jahre 1640 auf dem Höhepunkt seines Ruhms – Rembrandt gilt zu dieser Zeit als angesehenster Maler und Lehrer Amsterdams.

Rembrandt als Lehrer und sein Werkstattbetrieb

1640 war Rembrandt der erfolgreichste Maler in Amsterdam. Seine Bilder bestimmten den Stil der Zeit. Er hatte eine reiche Frau geheiratet, er hatte in einer vornehmen Straße Amsterdams ein Haus gekauft und lebte nun Tür an Tür mit anderen bekannten Malern, reichen, gebildeten Juden und wohlhabenden Kaufleuten. 

Sein durch den Erfolg gesteigertes Selbstbewusstsein ist in dem oben gezeigten Selbstportrait von 1640 nicht zu übersehen. In aristokratischer Haltung, den Arm auf eine Balustrade gelegt, in prächtige Kleider gehüllt, stellte er sich damals dar. Vorbilder für dieses aristokratische Selbstbildnis waren ihm Gemälde von Tizian und Raffael, die sich im Haus des portugiesischen Juden Alfonso Lopez (1572-1649) befanden, der abwechselnd in Amsterdam und Paris lebte und mit dem Rembrandt engen Kontakt pflegte. Bei der Versteigerung des Portraits von Raffael im April 1639, das Baldassare Castiglione darstellt und das Lopez erwarb, war Rembrandt zugegen und fertigte eine Skizze des Gemäldes an. Sie bildete den Anhaltspunkt für die Ausführung seines Selbstbildnisses. Diese Art von Übernahmen gestattete er seinen Schülern nicht. Abgesehen von den Kopien, die sie von seinen Werken herstellen mussten, durften sie bei freier Themenwahl nur die stilistischen und kompositorischen Prinzipien seiner eigenen Malweise übernehmen.

Rembrandt hatte, seit dem er selbständiger Maler war, Schüler ausgebildet. Insgesamt müssen über fünfzig Schüler und Gesellen durch seinen Werkstattbetrieb gegangen sein. Das widersprach den Regeln der Lukasgilde, die höchstens drei Schüler gleichzeitig in einem Atelier erlaubten. Doch Rembrandt war nicht der einzige, der diese Vorschriften umging. Schon in Leiden hatte er damit begonnen, Lehrlinge aufzunehmen. Einer seiner ersten Schüler, Isaac Jouderville (1612/1613-1648/53), ging sogar mit ihm zusammen nach Amsterdam. Kurz nachdem Jouderville in das Leidener Atelier eingetreten war, starben dessen Eltern. Die Akten der Leidener Waisenkammer stellen eine unschätzbare Quelle dar, was die technische Seite der Ausbildung bei Rembrandt betraf. Schon in jungen Jahren verlangte der Meister für die Ausbildung 100 Gulden im Jahr, Unterkunft und Verpflegung nicht eingeschlossen. Das war eine sehr hohe Summe. In Delft wurden 50 Gulden bereits als hoch angesehen. Doch Rembrandt hat zeit seines Lebens diesen hohen Betrag für die Schülerausbildung erhalten. Das berichtete auch Sandrart in seiner Biographie über Rembrandt. Er sprach von demselben Betrag und fügte noch hinzu, dass es sich um fast unzählbare vornehme Kinder gehandelt habe, die sich gleichzeitig im Atelier aufhielten. Die Schüler des Malers mussten offensichtlich relativ reiche Eltern haben, die es sich leisten konnten, das hohe Lehrgeld zu bezahlen. Die Eltern von Jouderville waren z.B. Besitzer eines renommierten Gasthauses in Leiden. Ihr Kunstinteresse war sehr groß. Sie förderten Maler, Musiker und Dichter. Ihre Töchter heirateten Maler, der zweite Sohn wurde Buchhändler. Joudervilles Lehrzeit war zu Ende, als er mit Rembrandt zusammen nach Amsterdam ging. Auch dort kopierte er noch Gemälde seines Lehrherrn und malte andere in dessen Manier, die Rembrandt dann signierte, um sie zu einem höheren Preis verkaufen zu können.

Man weiß, dass Rembrandt seine eigene Kunstsammlung nicht zu Ausbildungszwecken verwandte. Die Schüler sollten nur seine eigenen Gemälde kopieren, um sich diesen Malstil zu eigen zu machen. Rembrandt fertigte nur zu Lehrzwecken auch Zeichnungen an, die er kopieren ließ. In Amsterdam war Rembrandt also nicht nur ein anerkannter Maler, sondern ebenso ein geschätzter Lehrer. Doch nicht alle Schüler, die Rembrandt in der Kunst des Malens unterwies, waren auch Lehrlinge. Manch einer aus „gutem Hause“ besuchte nur zur Erbauung für kürzere Zeit das Atelier, ohne die Malerei als Berufsziel zu betrachten. Andere hatten ihre Lehre bereits abgeschlossen und wollten noch von seinem Malstil profitieren. Auch Rembrandt war ja nach Abschluss seiner Lehre zu Lastmann nach Amsterdam gegangen, um eine fundiertere Ausbildung zu erhalten.

Unter Rembrandts Schülern befand sich auch Govert Flinck (1616-1660), der aus Kleve stammte, in Leeuwarden seine dreijährige Lehrzeit absolviert hatte und anschließend nach Amsterdam ging. Arnold Houbraken beschreibt in seiner Biographie über diesen Maler ausführlich die Gründe, die ihn dazu veranlasst hatten: „Doch weil Rembrandts Stil damals von allen gelobt wurde und die Werke eines Künstlers seinen ähneln mußten, um vor den Augen der Welt Anerkennung zu finden, hielt es Flinck für angeraten, ein Jahr unter Rembrandt zu arbeiten, um seine Weise im Umgang mit den Ölfarben und seinen Malstil zu erlernen. Nach kurzer Zeit konnte er ihn so gut nachahmen, dass verschiedene seiner Werke für Originale Rembrandts gehalten und als solche verkauft wurden“.

Diese Sätze enthalten eine Menge Informationen über die Ausbildung bei Rembrandt. Seine Malweise war damals tonangebend, und es war zweckmäßig, sich ihrer zu bedienen. Höchstes Ziel war nicht etwa die Innovation, also das Herauswachsen des Schülers über den Lehrer, so wie es die Kunsttheorie forderte, sondern die Imitation. Waren die Bilder gut genug, konnte Rembrandt darin seinen Stil, seine Art zu malen, perfekt erkennen, dann signierte er das Werk, d. h. er gab es für eigenhändig aus und verkaufte es zu dem Preis, den er für seine eigenen Gemälde erzielte. Solche Praktiken waren damals durchaus üblich. Heute bereiten sie den Forschern großes Kopfzerbrechen bei dem Versuch, die authentischen Werke von den Schülerarbeiten zu trennen.

An einem Fall lässt sich die Problematik von Original und Kopie sehr gut aufzeigen. In St. Petersburg befindet sich ein großformatiges Rembrandt-Gemälde mit dem Titel „Abraham wird durch den Engel an der Opferung seines Sohnes Isaak gehindert“. Es ist signiert und datiert: „Rembrandt f. 1635″. Das Thema ist überzeugend gelöst. Isaak, nicht als Kind, sondern als Jüngling dargestellt, liegt auf einem Scheiterhaufen. Der Vater drückt mit Gewalt das Gesicht des Sohnes zu Boden. Er will den an den Armen Gefesselten daran hindern, sich zu wehren, will ihm aber auch den grausigen Anblick ersparen zuzusehen, wie der Vater Hand an ihn anlegt. Von links oben kommt der Engel aus den Wolken. Mit der einen Hand greift er nach dem rechten Handgelenk Abrahams, der das Messer fallen läßt, mit der anderen deutet er nach oben. Dabei schaut er auf Isaak. Abraham hat sich zu dem Engel umgewandt und blickt ihm ins Gesicht. Hände und Blicke von Abraham und dem Engel sind die Träger der Handlung. Zudem verbinden sie die drei Protagonisten miteinander, lassen sie einen Kreis bilden. Er schließt sich durch den Blick des Engels zu dem gefesselten Opfer hin. Auch wenn man die Geschichte der Isaak-Opferung nicht kennt, weiß man das Bild richtig zu deuten. Die Art, wie Abraham das Gesicht des Knaben hält, ist nicht etwa durch Brutalität gekennzeichnet, sondern ist auch beschützend. Es wird deutlich, dass er nicht freiwillig handelt. Der Engel hindert ihn an dem grausamen Menschenopfer auf höhere Weisung hin. Das zeigt er mit der Hand an, die nach oben deutet.

Abraham wird durch den Engel an der Opferung seines Sohnes Isaac gehindert, 1635
Leinwand, 193 x 133 cm, Bredius 498

St. Petersburg, Eremitage

In München befindet sich ein Gemälde mit demselben Thema. Es ist in den Maßen fast identisch. Auch Vater und Sohn sind in derselben Haltung wiedergegeben. Der Engel kommt allerdings nicht von der Seite, sondern von hinten aus den Wolken. Er ist viel stärker aus der Untersicht gemalt, trägt andere Gesichtszüge und scheint eher zu strafen als zu beruhigen. Er fasst nicht behutsam nach dem Handgelenk Abrahams, sondern umklammert es. Die andere Hand zeigt nicht eindeutig nach oben, sie erscheint auch eher als Ausdruck der Drohung. Dazu richtet der himmlische Bote den Blick auf Abraham, nicht auf Isaak. Die Harmonie des Kreises ist nicht erreicht. Außerdem ist hier der Widder dargestellt, den Abraham anstatt Isaaks opfert. Er wird links am Bildrand sichtbar. Für Rembrandt war es eher typisch, solche Details wegzulassen und sich ganz auf einen wesentlichen Moment der zu erzählenden Geschichte zu konzentrieren.

Dieses Gemälde besitzt nun eine einmalige Signatur, die unterschiedlich gedeutet werden kann: „Rembrandt. verandert. En overgeschildert. 1636″. Die naheliegende Übersetzung: „Rembrandt. verändert. Und übermalt.“, die den Schluss zulässt, dass es sich um eine Schülerarbeit handelt, die der Meister korrigiert hat, wurde 1969 von Plaak bezweifelt. Er versteht „overgeschildert“ als „neu gemalt“ und ist der Auffassung, daß auch dieses Gemälde von Rembrandt stammt. Dem widerspricht das „Rembrandt Research Project“. Aufgrund von Röntgenbildern, die inzwischen gemacht wurden, sind die Forscher der Auffassung, dass es sich tatsächlich um eine Schülerarbeit handelt, die in Rembrandts Atelier unter seiner Aufsicht entstand und an der er einige wenige Korrekturen vornahm. Der früher geäußerten Annahme, es handele sich um ein Werk von Govert Flinck, widerspricht das Forscherteam; es bietet allerdings keine sichere Alternative an.

Die Opferung Isaaks, 1636
leinwand, 195 x 132,3 cm
München, Alte Pinakothek

Dies also ist ein gutes Beispiel für eine Schülerarbeit, die zu einem Zeitpunkt im Atelier entstand, als auch das Vorbild noch vorhanden war. Der Schüler hielt sich in der Komposition und in der Malweise relativ genau an seinen Lehrer, auch wenn er ihn nicht sklavisch kopierte. Das macht die Zuschreibung so schwierig. Erst bei dem Engel, den der Schüler als letztes malte, erlaubte er sich Freiheiten, wich er vom Original ab. Es mag sein, dass diese Abweichungen Rembrandt dazu bewogen, einen für ihn so untypischen Zusatz zu seiner Signatur hinzuzufügen. Gerade dieser Engel, der nicht besänftigend wirkt, was sich auch darin ausdrückt, dass er nicht die Harmonie des Kreises herstellt, sondern Macht demonstriert, zeigt eine Schwäche des Bildes. Interessant in diesem Zusammenhang sind jedoch die Ähnlichkeiten. Sie sind, was die Isaak-Abraham-Gruppe angeht, frappierend. Erstaunlich sind vor allem auch solche Details wie das kostbare Messer, mit dem Abraham die Opferung vornehmen wollte, und die Scheide dazu, die er am Gürtel trägt. Sie gleichen sich bis in die Einzelheiten, so wie auch die Haltung der offenen Hand und die Position des im Fallen begriffenen Messers.

Mit diesen beiden Bildern besitzen wir einen Beleg für die Art und Weise, wie die Schüler im Atelier Rembrandts arbeiteten, wie stark sie sich den Arbeitsprinzipien des Lehrers angleichen mussten. Das macht es auch heute so schwierig, die Gemälde zu identifizieren, die ausschließlich von Rembrandts Hand gemalt sind. Ob eine solche Identifizierung überhaupt erstrebenswert ist, bleibt allerdings fraglich.

Doch wurde in Rembrandts Atelier nicht nur kopiert. Zu seinen Prinzipien der Ausbildung gehörte auch das Zeichnen von Aktmodellen und von Gipsen. Das wird in einer Zeichnung von einem seiner Schüler sehr anschaulich wiedergegeben. Mehrere Schüler unterschiedlichen Alters sitzen in einer Ecke des Ateliers und zeichnen nach einem Modell, das auf einem Podest sitzt. Auf der Balustrade darüber kann man die Gipsköpfe erkennen, die ebenfalls als Modelle zum Zeichnen dienten. Die Schüler halten ihre Zeichenblöcke aufrecht vor sich, so dass sie nicht den Kopf, sondern nur die Augen bewegen müssen, um vom Blatt auf das Aktmodell zu schauen. Im Hintergrund steht der Meister selbst, um Hilfestellungen zu geben. Dass eine Gruppe von Schülern gemeinsam arbeitete, wie die Zeichnung es zeigt, war wohl eher die Ausnahme und nur dann der Fall, wenn sich ein Aktmodell im Atelier eingefunden hatte. Es ist bekannt, dass Rembrandt, bevor er in die Breestraat zog, ein Lagerhaus gemietet hatte und als Werkstatt benutzte. Dort zog er Trennwände ein, damit jeder der Schüler und Gesellen ungestört arbeiten konnte. Auch in seinem Haus hat er dann solche Trennwände installiert. Als er das Lagerhaus mietete, hat er eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Trennung von Haushalt und Atelier vollzogen. Diese Trennung drückte er auch in seinen Bildern, gerade in denen von Saskia und seinen späteren Lebensgefährtinnen, aus, die er nie mit sich zusammen in einem Familienbild, sondern nur als Modelle darstellte.

In den vierziger Jahren begann der Ruhm Rembrandts zu verblassen. Die aus Frankreich importierte, als klassizistisch-höfisch bezeichnete Stilrichtung des Barock fand immer größeren Anklang. Im Gegensatz zu vielen seiner Schüler, z.B. Govert Flinck, vollzog Rembrandt diesen Stilwechsel nicht. Doch auch wenn er dadurch nicht mehr tonangebend in der Amsterdamer Kunstwelt war, verlor er weder sein Ansehen als Lehrer, noch mangelte es ihm an Aufträgen.

Anmerkung zu den Bildunterschriften:

In den Bildunterschriften findet sich de Name „Bredius“ gefolgt von einer Zahl.
Diese Angabe bezieht sich auf den Katalog von A. Bredius, Rembrandt Gemälde, Wien 1935

Quellennachweis:

Text und Bilder sind vom Rechteinhaber autorisierte Auszüge des Werkes:
REMBRANDT  Zijn Leven & zijn Werk, von Susanna Bartsch.

© Originalausgabe 1994 by: VBI / Royal Smeets b.v., Weert, Holland.
© 2002 all rights by: Media Serges, Weert, Holland und Serges Medien, Solingen.

Beitrag drucken