Am 25. März 2019 ist der 100.Todestag von

Wilhelm Lehmbruck

Dieser Beitrag erinnert an einen der bedeutendsten deutschen Bildhauer, der als talentierter Sohn einer westfälischen Kleinbauernfamilie mit seiner Bildhauerkunst weltberühmt wurde. In Paris sehr geschätzt, blieb Lehmbruck in Deutschland allerdings zeitlebens umstritten.  

SKULTUR IST DAS WESEN DER DINGE, DAS WESEN DER NATUR, DAS, WAS EWIG MENSCHLICH IST

Wilhelm Lehmbruck (1881 – 1919)

Lehmbruck, Wilhelm, *4.1.1881 in Meiderich bei Duisburg, ✝︎ 25. 3. 1919 in Berlin (Freitod); bedeutender deutscher Bildhauer, begann seine künstlerische Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf (1895 – 99) und besuchte anschließend bis 1907 die Düsseldorfer Akademie als Meisterschüler von Karl Janssen. Seine ersten Arbeiten waren noch modellnah, mitunter akademisch idealisierend und griffen traditionelle Themen auf wie Kugelwerfer (1902/03; zerstört) und Badende (1902, Düsseldorf, Sammlung der Akademie), beides naturalistische Aktstudien. Gegen Ende seiner Düsseldorfer Zeit entstanden zahlreiche sozialkritische Werke: ein Arbeiterdenkmal (1906), die Darstellung eines Grubenunglücks in der Gruppe Schlagendes Wetter, Bergleute, Bettler und andere realistisch aufgefasste Motive. Gleichzeitig entwickelte er seinen Stil unter Aufgabe der akademischen Schulbegriffe zu größerer Formenstrenge und Vereinfachung der Naturdarstellung. Seine Aktfiguren wurden tektonisch aufgebaut, geschlossen im Kontur und großflächig behandelt (Mutter und Kind, 1907, Essen, Museum Folkwang). Reisen führten Lehmbruck 1905 nach Italien, 1907/08 nach Paris. 1910 zog er mit seiner Familie ganz nach Paris und blieb bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Hier entstanden nach der noch an Auguste Rodin orientierten, kolossalen Figur der Mensch (3 m hoch, 1909) die für Lehmbrucks Werk typischen Figuren, die sich durch eine starke Längung der Gliedmaßen und Zerbrechlichkeit des Körperlichen bei gleichzeitig ausdrucksvoller Oberflächenbehandlung auszeichnen. Im Ausdruck erreichen sie einen hohen Grad an Vergeistigung und Verinnerlichung. Das erste Werk dieses neuen Stils ist die Große Kniende (1912, Duisburg, Wilhelm-Lehmbruck-Museum), die heute als eines der folgenreichsten Bildwerke des 20. Jh. gilt. Das Motiv des weiblichen Torsos gewann fortan große Bedeutung (Hagener Torso, 1911, Essen, Museum Folkwang). Spätere Pariser Arbeiten wie Emporsteigender (1913), Große Sinnende (1913/14), Rückblickende (1914) und Badende zeigen in ihrer tektonischen Gliederung und Gegeneinandersetzung plastischer Volumen den Einfluss der Pariser Kubisten.1914-17 lebte Lehmbruck in Berlin. Unter dem Eindruck des Krieges schuf er Figuren wie Der Gestürzte (1915/1916) und Der Trauernde (1917) von starker seelischer Ausdruckskraft. Da ihm das Geld für den Bronzeguss oft fehlte, experimentierte er mit Marmorzementverfahren. 1917 siedelte die Familie nach Zürich um, wo die letzten Arbeiten entstanden, die sich von dem schematischen Kompositionsprinzip der Pariser Jahre lösen und von starker innerer Unruhe zeugen (Liebende Köpfe, 1918). Finanzielle und familiäre Sorgen sowie seine unglückliche Liebe zu Elisabeth Bergner trieben ihn 1919 in den Freitod.

In Paris geschätzt, blieb Lehmbruck in Deutschland zeitlebens umstritten. Seine Große Kniende wurde einmal als »gigantische Gliederpuppe« verhöhnt.

1964 wurde in Duisburg das Wilhelm-Lehmbruck-Museum eröffnet, ein Spezialmuseum für Plastik des 20. Jh., dessen Kernstück die Arbeiten Lehmbrucks bilden.

 


BILDBETRACHTUNG

WILHELM LEHMBRUCK, DER GESTÜRZTE

Der Gestürzte ist neben der Sitzfigur Der Trauernde von 1917 Hauptwerk aus Lehmbrucks Berliner Zeit, nachdem ihn der Ausbruch des Ersten Weltkrieges gezwungen hatte, seinen Wohnsitz Paris zu verlassen. Sie gehört 

in ihrer überlegten tektonischen Gliederung, der extremen Längung der Gliedmaßen und der Vereinfachung der Form wie auch im gesteigerten Ausdruck zu den reifen Arbeiten seines Werkes. Inhaltlich reflektiert sie seine Kriegseindrücke und bringt seine Erschütterung in einer einzigen großen Geste der Verzweiflung zum Ausdruck.

Mit versetzten Beinen, das linke angezogen, das rechte zurückgesetzt, kniet die langgestreckte, überlebensgroße Figur des nackten Jünglings auf der niedrigen Plinthe, den Oberkörper weit nach vorne gebeugt und den Kopf vornüber auf den Sockel gestützt. Es entsteht ein brückenartiger Aufbau, der den Raum in die Skulptur miteinbezieht. Nicht der dramatischeSturz ist thematisiert, sondern ein Augenblick der Ruhe vor dem endgültigen Zusammenbruch. Der linke Arm umfängt den Kopf, während er mit der rechten Hand ein abgebrochenes Schwert hält. Dieses Schwert, das ihn als geschlagenen Krieger kennzeichnet, ist das einzige erklärende Beiwerk – sonst ist das Werk frei von der abbildhaft-erzählerischen Auffassung zeitgenössischer Kriegerdenkmäler. Indem Lehmbruck den Krieger als Aktfigur gibt, überführt er ihn aus der speziellen Situation ins Allgemeingültige als zeitloses, nicht national gebundenes Mahnmal des Kr

Literatur: E. Trier, W. L., Zeichnungen und Radierungen, München 1955. – E. Trier, W. L. Die Kniende, Stuttgart 1958. – A. Hoff, W. L., Berlin 21961. – W. Hofmann, W. L., Ahrbeck, München 21964. – E. Petermann, Die Druckgraphik von W. L., Stuttgart 1964. – G.von Roden u. S. Salzmann (Hg.), W. L. Sieben Beiträge zum Gedenken seines 50. Todestages, Duisburg 1969. – D. Schubert, Die Kunst W. L.s, Worms 1981. – C. Brockhaus, W.-L.-Museum der Stadt Duisburg, Braunschweig 1987. Ausstellungskataloge: W. L.,Gedächtnisausstellung, Kunsthaus Zürich,Zürich, 1956. – W. L., Nationalgalerie, Berlin, 1973.

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