Jahrestage der Kunst

Am 23. Januar 2019 ist der 30. Todestag von Salvador Dali (Salvador Felipe Jacinto Dali y Domenech).

Salvador Dali(Salvador Felipe Jacinto Dali y Domenech), geboren am 11.5.1904 in Figueras, Spanien, gestorben am 23.1.1982 in Figueras. 

Aus diesem Anlass erinnern wir an den bedeutenden spanischen Maler und Bildhauer des Surrealismus, Grafiker, Cineast und Schriftsteller.

Dali, Salvador (Salvador Felipe Jacinto Dali y Domenech), 

* 11. 5. 1904 in Figueras bei Gerona (Katalonien), verstorben am         23. 1. 1982 in Figueras; spanischer Künstler, bedeutendster Maler und Bildhauer des Surrealismus, Grafiker, Cineast und Schriftsteller; experimentierte schon früh, beeinflusst von Sigmund Freud, mit dem Unbewussten, psychischen Krankheitsbildern und persönlichen Angst- und Rauscherlebnissen, die er vor allem in seiner veristischen Malweise zu irrationalen surrealistischen Sujets gestaltete. 

Salvador Dali, Partielle Sinnestäuschung. Sechs Erscheinungen Lenins auf einem Flügel, 1931. Öl auf Leinwand, 114,3 x 146 cm.
 Paris, Musee National d’Art Moderne.

Aufgrund seiner exzentrischen Selbstdarstellung und seines Willens, seine Kunst als Ware zu vermarkten, wurde er zu einem der populärsten Künstler des 20. Jh. Schon als Zehnjähriger beschäftigte er sich
mit der Malerei, und ab 1916 erhielt er Zeichenunterricht. Seine ersten Bilder zeigten impressionistische Einflüsse und Elemente der spanischen realistischen Malerei des 19. Jh. Ab 1920 befasste er sich mit dem italienischen Futurismus. Seine eigentliche Ausbildung erhielt Dali erst ab 1921 an der Akademie S. Fernando in Madrid, wo er, vermutlich bei dem traditionsgebundenen Maler Moreno y Carbonero, seine perfekt gehandhabte, glatte Lasurtechnik erlernte, die ihn zu akribischer Wiedergabe naturalistischer Details befähigte. Zu dieser Zeit freundete sich Dali mit Federico Garcia Lorca, Luis, Bunuel und einer Gruppe junger Anarchisten an und wurde von der italienischen Pittura metafisica Giorgio de Chiricos und Carlo Carräs beeinflusst, die er durch die Zeitschrift »Valori Plastici« kennenlernte. 1923 wurde er wegen Aufwiegelung der Studenten von der Akademie relegiert und möglicherweise aus politischen Gründen – für vier Wochen inhaftiert. 1925 kehrte er an das Institut zurück, aber schon 1926 schloss man ihn wegen ungebührlichen Betragens endgültig aus.

In diese Zeit fielen seine beiden ersten Ausstellungen in der Galerie Dalmau in Barcelona (1925 und 1926). Seine damaligen Bilder lehnen sich teils kubistischen Bildern von Juan Gris und Pablo Picasso, teils holländischen Stillleben oder Bildern Jan Vermeers an unternahm Dali die erste, 1928 die zweite Reise nach Paris, begegnete dort Pablo Picasso und Andre Breton und malte vermutlich sein erstes surrealistisches Bild (Blut ist süßer als Honig). Schon im folgenden Jahr kam er nach Paris zurück und ließ sich dort nieder. Er nahm mit seinem Landsmann Joan Miro Kontakt auf, der ihn in die surrealistische Gruppe einführte. Dali schuf unter dem Einfluss Max Ernsts, Andre Massons und Mirös Collagen, in die er Kieselsteine, Kork und Sand integrierte (Badende, 1928, Cleveland, Dali Museum, Collection Reynolds Morse).

Gemeinsam mit Luis Bunuel drehte Dali auch experimentelle surrealistische Filme, z.B. »Ein andalusischer Hund« (1929), bei dessen Aufführung in Paris es zu einem Skandal kam.
Ähnliche Proteste löste auch der Film »Das Goldene Zeitalter« (1931) aus.

Um diese Zeit setzte Dalls eigentliches Schaffen surrealistischer Werke ein, wobei der katalanische Jugendstil und insbesondere die bizarre Architektur Antonio Gaudis seine Gestaltungsweise beeinflussten. Breton veranstaltete 1929 in Paris eine erfolgreiche Ausstellung mit Dalls Bildern, der gerade die»paranoisch-kritische Methode« und später in dem Essayband »La Femme Visible« (Paris, 1935) schriftlich niederlegte. 

Salvador Dali, Weiche Konstruktion mit gekochten Bohnen. Vorahnung des Bürgerkrieges, 1936.
Öl auf Leinwand, 100,5 x 100,5 cm.
Philadelphia, Museum of Art, Sammlung Louise und Walter Arensberg

Begabt mit einer überschäumenden Phantasie und einem außergewöhnlichen Einfühlungsvermögen, unternahm er die Erforschung des Unbewussten. Bei seiner Ergründung des Absurden, der Anomalien und verborgener Bewusstseinsschichten stützte er sich auf die Kenntnis der Psychologie Sigmund Freuds, den er 1938 in London persönlich kennenlernte. Dali betrieb seine Untersuchungen stets auf provokante Weise. Er reproduzierte die symbolischen Assoziationen, die sich nach Sigmund Freud mit bestimmten mineralischen, tierischen und pflanzlichen Formen verbanden, simultan und mit der Präzision des -► Trompe-Pceil, was zu einer Übergewichtigkeit der Ikonologie in seinen Bildern führte. Dali zeigt die Dinge meist in einer ungetrübten, klaren Atmosphäre. Die Körper sind plastisch modelliert und von kräftiger Farbigkeit, die Perspektive seiner extrem tiefen Bildräume ist meist konsequent durchgeführt, die Raumstruktur erscheint homogen. Das Irrationale seiner Bilder entsteht durch Verwandlung, Deformation und Vermengung der natürlichen Gattungen, Arten und Individuen. Arme, Beine und Felsen gehen ineinander über. Aber auch neue Gebilde entstehen, die sexuelle, manchmal auch erotische Assoziationen auslösen (Atavistische Ruinen nach dem Regen, 1934, Rom, Sammlung Carlo Ponti). 1931 entstanden die sog. Weichen Uhren, die, wie Dali sagte, die »Camemberts des Raums und der Zeit« sind (Die Beharrlichkeit der Erinnerung, New York, Museum of Modern Art), 1935 die Brennende Giraffe (Basel, Kunstmuseum), ein Bild, in dem Dali eine Frauengestalt mit Schubfächern vor gespenstisch erleuchtetem Nachthimmel zeigt. Selbst wenn einige der in die Realität der Bilder eingebrachten Monster an Collagen oder Gemälde Max Ernsts, die Deformationen seiner Gegenstände an Yves Tanguy und die Raumstruktur an de Chirico erinnern, gelang es Dali dennoch, in den besten seiner Werke für seine Zwangsvorstellungen und Halluzinationen einen unverwechselbaren künstlerischen Ausdruck zu finden. 

Salvador Dali, Venus von Milo mit
Schubladen, 1936-64. Bronze (bemalt) Kästen mit Pelzknöpfen, 98 x 32,5 x 34 cm. Rotterdam,
Museum Boymans-Van Beuningen

Um seine Inspiration zu nähren, griff Dali auch auf historische Vorbilder zurück: Die klassische Kunst Raffaels oder Piero di Cosimos diente ihm ebenso als Vorwurf wie das Bild Angelus von Jean-Francois Millet oder die Spitzenklöpplerin von Jan Vermeer. Nach eigenen Gesetzmäßigkeiten verformt er alles Vorgefundene Material seiner Vorstellungswelt: So vermengen sich Sexualität und Religiosität in den verschiedenen Angelus-Varianten (z. B. Gala und der Angelus von Millet, kurz vor dem drohenden Eintreffen der kegelförmigen Vexierbilder, 1933, Philadelphia, Sammlung Henry P. Mcllhenny). Diese Widersprüchlichkeit und Unberechenbarkeit, die das Schockerlebnis provozieren soll, hat auch sein persönliches Verhalten geprägt; so kam es 1934 zum Bruch mit Andre Breton und 1938 aufgrund des (nicht bewiesenen) Vorwurfs der Sympathie für den Nationalsozialismus zum Ausschluss aus der surrealistischen Bewegung. Dali wanderte 1940 nach Amerika aus und ließ sich in Pebble Beach in Kalifornien nieder. Es gelang ihm nun, nach zwei spektakulären Amerika-Auf enthalten 1934 und 1936, durch eine Reihe von Ausstellungen sich auch in den USA durchzusetzen. Er knüpfte seine kommerziellen
Erfolge immer enger an seine künstlerischen Absichten, dekorierte Schaufenster, entwarf Schmuck, arrangierte Balletts (Mad Tristan, Ballett International, 1944, New York) und machte sich zum Mittelpunkt mondäner Empfänge. Das immer schon typische Übermaß an Selbstreflexion und Selbstbespiegelung trat nun noch deutlicher zutage, artete bisweilen in kultartige Selbstdarstellungen aus und formte sein Bild in der Öffentlichkeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Dali nach Europa zurück (1948). Es begann eine Phase mit religiösen Darstellungen (Christus des hl. Johannes vom Kreuz, 1951, Glasgow, Art Gallery and Museum), Illustrationen zu Dantes»Divina Commedia« u.a., die von einem Engagement der katholischen Kirche begleitet war (die erste Version des Bildes Madonna de Port Lligat,1948, wurde vom Papst gesegnet). In seinen späteren Werken tendierte Dali häufiger zu großen Formaten und bediente sich ungewöhnlicher Perspektiven, um seine Bildgegenstände zu monumentalisieren (Kreuzigung,1954, New York, Metropolitan Museum of Art, Chester Dale Collection).

Durch Verkettung verschiedener Realitätsebenen machte er oft den Darstellungsprozess des Werkes selbst zum Darstellungsgegenstand (Doppelbilder). 1958 malte Dali die Sixtinische Madonna, ein illusionistisches Werk, das aus der Nähe gesehen gegenstandslos erscheint, aus zwei Meter Entfernung betrachtet eine Madonna von Raffael zeigt und aus 15 m Entfernung zum Ohr eines Engels wird. In den sechziger Jahren fanden zwei bedeutende Retrospektiven statt: 1964 in Tokio und 1966 in New York, für die Dali eigens neue Werke schuf (Sklaven von Michelangelo, Offener Brief an Dali).
Es folgten Retrospektiven in Rotterdam (1970) und in Baden-Baden (1971). 1972 wurde ein Dali-Museum in Figueras eröffnet

BILDBETRACHTUNG

Salvador Dali, Die Versuchung des hl. Antonius

Die Legende vom hl. Antonius in der Wüste, der von bösen Versuchungen gepeinigt wird, ihnen aber heroisch widersteht, hat eine Bildtradition, die bis ins 15. Jh. zurückreicht. Anders als für die religiösen Maler der anbrechenden Neuzeit, besaß für den Surrealisten Dali die Welt der Triebe ebenso faktische Bedeutung wie die von Verstand kontrollierte Alltagswirklichkeit – oder auch die Sphäre des Glaubens. Angeregt durch die Schriften Freuds und von der Lust am Experiment, motiviert von der Suche nach anderen, irrationalen Wahrheiten, versuchten die Surrealisten in die Symbolwelt des Unbewussten, der Triebe, des Rauschhaft-Dionysischen vorzudringen. Aus der ungehemmten Assoziationskraft Dalis brachen immer neue, phantastischere und monströsere Bildwelten hervor. Dali gestaltete sie mit einer eiskalt beobachtenden, fotografisch genauen Technik, will sie so anscheinend verifizieren. Bevor er sich Anfang der fünfziger Jahre in Europa persönlich wie künstlerisch (und unter dem mystifizierten Einfluß seiner abgöttisch geliebten Frau Gala) dem Religiösen zuwandte, malte er 1946, noch in New York, dieses Bild der sexuellen Versuchung. Einer Fata Morgana gleich bewegt sich die Karawane mit den Elefanten und dem weißen Pferd aus der endlosen Wüste auf den Einsiedler zu. Abwehrend streckt Antonius ihnen sein Kruzifix entgegen, worauf sich das anführende weiße Roß, wie von einer tatsächlichen Kraft veranlaßt, aufbäumt.

Die Elefanten tragen ihm die unzweideutigen Zeichen der Versuchung zu: eine herausfordernde Frau mit nackten Brüsten, einen spitz aufragenden Obelisken – Symbol für den Phallus -, einen zweiten nackten Frauenoberkörper im offenen Portal einer kleinen Renaissancekirche. Die weltlichen Lüste, vor denen sich der Eremit in die Wüste zurückgezogen hatte, um seine Buße abzuleisten, bedrängen ihn hier visionär, dafür um so stärker. Scheinbar stellt Dali hier die Kraft des Glaubens noch unter das Diktat der sexuellen Triebe; doch sein Bild zieht in Wirklichkeit nur die Analogie zwischen Religion und Sexualität, offeriert keine Lösung.

Salvador hl. Antonius, 1946.
Öl auf Leinwand, 90 x 120 cm. Brüssel, Musees Royaux des Beaux-Arts.Dali, Die Versuchung des hl. Antonius

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