BILDBETRACHTUNG

Oil auf Leinwand, 117 x 160 cm, Paris, Musée National du Louvre

Während seiner Sommeraufenthalte an der französischen Kanalküste malte Courbet eine ganze Reihe von Wogenbildern, die auf eine große Nachfrage stießen und hohe Preise erzielten. Im bewussten Gegensatz zu den euphemistischen touristischen Strandbildern konfrontierte er hier den Betrachter mit der ganzen Wildheit des Meeres. Die Herausforderung an sein bürgerliches Publikum lag gerade im Nachschaffen eines archaischen Naturvorgangs, der entfesselten rohen Naturgewalt, die sich jeder zivilisatorischen Erschließung und Inbesitznahme widersetzt. Courbet verwirklichte somit sein eigenes künstlerisches Ideal von der unbedingten Wahrheit der Malerei.

Schwarz und bedrohlich baut sich eine Wasserwand auf, dunkel ballen sich am Horizont die Wolken. In dieser unheilverkündenden Stimmung setzt nur das vereinzelte Blau des Himmels lichte Momente; zwei Fischerboote zeugen davon, dass der Mensch diese nun entfesselte Natur ansonsten bezwingen, kultivieren will. Die nachhaltige Wirkung seiner Wogenbilder war durch die Farbgebung bestimmt. Seine Farbskala bewegt sich zwischen Weiß, Schwarz und einer differenzierten Palette von Brauntönen, nur an einigen Stellen setzt ein helles Blau einen Kontrast. Courbet arbeitete mit dem Spachtel, setzte seine Farben pastos unvermischte nebeneinander, wodurch die Wolken einen fast statischen Charakter erhalten, fast wie gemauert wirken. So schafft er eine Spannung zwischen Dauer und Augenblick: Flüchtige Bildungen wie Welle und Gischt werden durch eine abstrakte Struktur verdinglicht. Selten zuvor war der anschauliche Charakter  eines Gemäldes so sehr von der dicht aufgetragenen Farbmaterie begründet worden. Courbet fand hier zu einer völlig neuen  und freien Verwendung der Farbe.

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