Das „Staatliche Bauhaus“ wurde im Jahre 1919 von dem Architekten Walter Gropius als Hochschule für Bau und Gestaltung in Weimar gegründet. Sechs Jahre Später nach Dessau verlegt und 1933 zwangsweise aufgelöst. Der „Bau der Zukunft“ – so Gropius – sollte Architektur, Malerei und Plastik verschmelzen. Unter Mitarbeit bedeutender Künstler war das Bauhaus eine Institution, die alles Gestaltbare – von Architektur bis hin zu den industriell hergestellten Gebrauchsgegenständen – einer funktional ästhetischen Prägung unterziehen wollte. Neben Walter Gropius waren Lionel Feininger, Johannes Itten, Gerhard Marcus, Georg Buche, Paul Klee,Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky, Mies van der Rohe – u.v.a.m. – als Lehrer am Bauhaus  tätig.

Anlässlich des hundertsten Gründungsjubiläums widmet sich dieser Blogbeitrag bedeutenden Mitgliedern des Bauhauses. 

Im heutigen Beitrag wird das Leben und Werk des bedeutenden deutsch-amerikanischen Künstlers  Lyonel Feininger beschrieben, der von 1919 bis 1933 am Bauhaus in Weimar und Dessau lehrte.

Lyonel Feininger 

wurde als Charles Léonell Feininger am 17.07.1871 in New York geboren, wo er am   13.01.1956 auch verstarb. Der deutsch-amerikanische Maler, Grafiker und Karikaturist, stand um1913 der Gruppe „Blaue Reiter“ sehr nahe und lehrte von 1919 bis 1933 am Bauhaus in Weimar und Dessau. Dort behandelte er hauptsächlich die Themen: Stadt und See und gelangte unter dem Einfluss des Kubismus zu einer prismatischen

Leben und Werk

Als Sohn eines deutschen Musikerehepaares in New York erhielt Lionel Feininger bereits  im Alter von neun  Jahren von seinem Vater Geigenunterricht. 1887 folgte er seinen Eltern nach Deutschland, wollte zunächst in Hamburg seine musikalische Ausbildung vollenden. er entschloss sich jedoch Malerei zu studieren und besuchte 1887 – 1888  die Kunstgewerbeschule in Hamburg und 1889 – 1892 die Akademie in Berlin, wo er bei Ernst Hancke und Woldemar Friedrich studierte. Schon während der Studiumszeit bekam Feininger aufgrund seiner besonderen Begabung im Zeichnen Auftrage für Illustrationen der „Humoristischen Blätter“ und illustrierte Kurzgeschichten und Märchen. 1890 vollendete er seine schulische Ausbildung am Jesuitenkollege in Lüttich, kehrte aber 1891 nach Berlin zurück, wo er bei Adolf Schlitz die französische Freilichtmalerei studierte, was er zur eigenen Anschauung  1892 in Paris an der dortigen Akademie des italienischen Bildhauers Filippo Colarossi fortsetzte. Nach Berlin zurückgekehrt erhielt er ab 1893 regelmäßig Auftrage für Zeichnungen verschiedener Zeitungen, was ihm eine selbständige Existenz ermöglichte. Ab 1894 zeichnete er regelmäßig für das Wiltzblatt „ULK“ und bis 1906 fast ohne Unterbrechung für die „Lustigen Blätter“ und die Beilage zum „Berliner Tageblatt“. 1894 lieferte er die ersten Zeichnungen für „Harper Brothers“ in New York, wodurch auch der Kontakt  zur amerikanischen Leserschaft gewonnen war. 

Innerhalb weniger Jahre wurde er zu einem der berühmtesten Karikaturisten Deutsch­lands; von 1887 bis 1906 nahm er in seinen Zeichnungen Woche für Woche zu tagespolitischen Themen Stellung. Feiningers skurrile Figuren sind in dichter Schraffur und nervöser Kontur gezeichnet. Die Umkehrung der per­spektivischen Größenverhältnisse so­wie die plakative, flächige Verwen­dung der Farbe übernahm er von japa­nischen Holzschnitten mit ihren deko­rativen Bildstrukturen und den in Kon­trast gesetzten Flächen, wie in der Zeichnung Der Diluvialmensch (New York, Sammlung J. Feininger); die Far­bigkeit und Überlängung der Figuren zeugt vom Einfluß des Jugendstils, auf dessen arabeske Detailgliederung Fei­ninger allerdings verzichtete. 

1906 ging Feininger wieder nach Paris, um im Atelier von Colarossi weiterzu­studieren, wo auch Henri Matisse und seine deutschen Schüler Hans Purr­mann, Rudolf Grossmann, Oskar Moll und Rudolf Levy verkehrten und sich im Cafe du Döme trafen. Die Abkehr von der Satire und die entschiedene Hinwendung zur Malerei kennzeich­nen die Phase von 1907 -13. Dennoch zeigen die Figurenbilder bis etwa 1917 noch deutliche Merkmale der Karika­tur, mit phantastisch-grotesken Defor­mationen, wie in dem Gemälde Der weiße Mann (1907, Lugano, Samm­lung Thyssen-Bornemisza). 

Den entscheidenden Impuls zur Aus­bildung eines eigenen malerischen Stils brachte 1911 die Begegnung mit den Kubisten, wobei die Bekanntschaft mit Robert Delaunay offensichtlich die farbige Weiterentwicklung seiner pris­matischen Kompositionen beeinfluß­te. Die Facettierung der Bildfläche und die formale Integration des Gegen­stands in linear umrissene geometri­sche Körper fanden ihre Entsprechung in der Wahl architektonischer Motive ( so etwa in Brücke III, 1917, Köln, Mu­seum Ludwig – siehe auch BILDBETRACHTUNG)). 

1906 entdeckte er erst­mals bei einem Besuch von Erfurt und Weimar den Reiz der nordthüringi­schen Dörfer Gelmeroda, Birchow, Mönchroda und Umpferstedt. Von Gel­meroda entstanden allein 13 Gemälde (z.B. Gelmeroda I, 1913, Giffnock, Glasgow, Sammlung Pauson) mit der charakteristischen Zerlegung und Auf­lösung des Motivs in transparente Flä­chenpläne. In den folgenden Jahren kamen als Motiv Marinebilder hinzu, die er auch häufig aquarellierte. 

Von Franz Marc erhielt Feininger 1913 die Einladung zur Beteiligung am Er­sten Deutschen Herbstsalon in Berlin. Zu Beginn des Kriegs entstanden einige figürliche Bilder, wie etwa die Serie der Jesuiten. 

In den folgenden Jahren verfestigte sich das zuvor stark aufgesplitterte Bildge­füge zu einem auch farblich gedämpf­ten Aufbau, z.B. Vollersroda III (1916, New York, Sammlung F. Loesser). 1917 veranstaltete Herwarth W alden in der Sturm-Galerie die erste große Einzelausstellung Feiningers, die ihn allgemein bekannt machte. Die Zuge­hörigkeit zu den expressionistischen Künstlern des Sturm-Kreises (-> Sturm, Der) förderte auch Feiningers Hinwen­dung zur Grafik, speziell dem Holz­schnitt, die seit 1918 einen wesent­lichen Teil seines CEuvres repräsentiert. Sein druckgrafisches Werk umfaßt 65 Radierungen und Kaltnadelarbeiten, 20 Lithografien und 320 Holzschnitte. 

Nach dem Ersten Weltkrieg berief Wal­ter Gropius Feininger als einen der er­sten Lehrer an das Bauhaus in Weimar, dem der 1919 – 33 angehörte. Feininger leitete die grafischen Werkstätten und war für die Herausgabe der Bauhaus­ Mappen verantwortlich. Er schuf u. a. den Holzschnitt Kathedrale als Titel­blatt zur ersten Bauhausproklamation (1917). In den Bildern der zwanziger Jah­re vollzog sich allmählich eine Locke­rung der Form und eine Reduzierung auf einfache, klar überschaubare Motive, die an Leuchtkraft und Transparenz ge­wannen. Die vollkommenste Realisie­rung dieses Kompositionsprinzips bilde­ten die Aquarelle, die im Werkprozess nicht Vorstudien der Ölbilder waren, sondern eigenständige Arbeiten. Vor al­lem in Feiningers Seebildern konnte in dieser Technik die flüchtige Erschei­nung des Raumeindrucks zu schweben­den und kristallin leuchtenden Kompo­sitionen verdichtet werden. 1924 grün­dete er gemeinsam mit Wassily Kan­dinsky, Paul Klee und Alexej von Jaw­lensky die Ausstellungsgemeinschaft der Blauen Vier. 

Nach der Übersiedlung des Bauhauses 1926 nach Dessau malte er vorwiegend Ansichten von Lüneburg und Halle. So entstanden elf Gemälde und zahlreiche Zeichnungen, wobei sich Feininger zum einzigen Mal der Fo­tografie als Kompositionsvorlage bediente und sie danach als hinderlich für seine Arbeitsweise wieder verwarf. Nach der Schließung des Bauhauses in Dessau (1933) ging Feininger zurück nach Berlin, wo er sich bis zu seiner Emigration 1936 aufhielt. Es entstand noch eine Vielzahl von Zeichnungen und Aquarellen, die sich in ihrer kristal­linen Klarheit und Farbnuancierung an den Erfahrungen und den formalen Ei­genschaften früherer Jahre orientierten (Westliches Meer, 1932, Springfield, Massachusetts, Museum of Fine Arts). 

Ab 1933 wurden die Bilder Feiningers von der nationalsozialistischen Kultur­politik als »entartet« eingestuft. 1936 kehrte er deswegen in die USA zurück. Seit 1938 lebte er in New York und er­hielt für die dortige Weltausstellung noch im gleichen Jahr einen Auftrag für Wandbilder. Sein Stil wandelte sich, wurde weniger einheitlich, flächenhaf­ter und stärker von grafischen Elemen­ten geprägt, wie z.B. in der Manhattan­Serie der vierziger Jahre, in der er die Auseinandersetzung mit seiner ameri­kanischen Umwelt und deren Groß­stadtarchitektur thematisierte. Atmo­sphärische Momente traten auch hier in den Vordergrund, wie im Bild Manhat­tan, Morgendämmerung (1944, Cam­bridge, Massachusetts, Sammlung P. und L. Feininger), doch wurde die Mal­weise lockerer, während er gleichzeitig die Farbe von ihrer konstruktiven Bin­dung befreite. Zum entscheidenden Wendepunkt für seine Wertschätzung in den USA wurde die erste große Aus­stellung im Museum of Modem Art in New York mit Bildern aus den Jahren 1908 – 44, die ihm 1944 zusammen mit Marsden Hartley gewidmet war. 

Feinin­gers Altersstil änderte sich in den fünfzi­ger Jahren durch seinen Freund Mark Tobey, der ihm seine Vorliebe für ost­asiatische Kalligrafie vermittelte und ihn wohl auch zum Gebrauch der wei­ßen Umrißlinie sowie zur monochro­men Angleichung der Farbkontraste anregte. Während in dem Gemälde Lu­nar Web (New York, Sammlung M. Lo­wenthal) weiße geometrische Linien die dumpfen wenigen Farbflächen gliedern, wurden die ehemals kompakten Farbzo­nen in der Sonnenuntergangsglut (1953, New York, Sammlung A. Feininger) im­pressionistisch fleckenhaft aufgelöst, als Ende eines Entmaterialisierungspro­zesses, der das gesamte Werk Feiningers charakterisiert. 

BILDBETRACHTUNG

Lionel , Brücke III

Das Bild reflektiert Lyonel Feiningers Auseinandersetzung mit dem Kubis­mus: Die Welt ist wie durch einen Kristall gesehen und in prismatische Fa­cetten aufgesplittert. Im Gegensatz zur analytischen Formzertrümmerung der Kubisten suchte Feininger jedoch eine feste Bildordnung; Raum, Licht und Atmosphäre bleiben unangetastet. 

Feininger, für den der geistige Gehalt seines Motivs von großer Wichtigkeit war, bereicherte den kubistischen Formalismus um eine poetische Kompo­nente. So standen in seinen Bildern Brücke für Unendlichkeitssehnsucht und für das Erlebnis der ewigen Wiederkehr des Gleichen. In einer reich dif­ferenzierten Palette von Erdtönen sind hier, vielfach gebrochen, die Schat­tierungen des Lichts eingefangen, spiegeln sich Luft und Wasser in transpa­renten Flächenplänen, aus deren Mitte, organisch eingefügt und in gedämpf­tem Blau und Gelb, die Brücke auftaucht. Scharfkanting. Die ständige Wiederholung derselben spitzen Formen erinnert stark an futuristische Bewegungsmomente. 

Die harmonische Bildordnung, die Feininger anstrebte, erreichte er hier un­geachtet der zersplitterten Motive durch ein statisches Bildgerüst, in dem die Diagonalen in einem fragilen Gleichgewicht aufgefangen werden.

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