Das„Staatliche Bauhaus“ wurde im Jahre 1919 von dem Architekten Walter Gropius als Hochschule für Bau und Gestaltung in Weimar gegründet. Sechs Jahre Später nach Dessau verlegt und 1933 durch die Nationalsozialisten zwangsweise aufgelöst. Der „Bau der Zukunft“ – so Gropius – sollte Architektur, Malerei und Plastik verschmelzen. Unter Mitarbeit bedeutender Künstler war das Bauhaus eine Institution, die alles Gestaltbare – von Architektur bis hin zu den industriell hergestellten Gebrauchsgegenständen – einer funktional ästhetischen Prägung unterziehen wollte. Neben Walter Gropius waren Lionel Feininger, Johannes Itten, Gerhard Marcus, Georg Buche, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky, Mies van der Rohe – u.v.a.m. – als Lehrer am Bauhaus  tätig.


Anlässlich des hundertsten Gründungsjubiläums widmet sich dieser Blogbeitrag bedeutenden Mitgliedern des Bauhauses. In diesem Beitrag wird das Leben und Werk des bedeutenden deutschen Malers, Bildhauers, Bühnenbildners und Choreografen Oskar Schlemmer beschrieben, der ab 1920 am Bauhaus in Weimar und Dessau lehrte.

Oskar Schlemmer  

wurde am 4.09.1888 in Stuttgart geboren. Er verstarb am 13.04.1943 in Baden Baden. 

Als Deutscher Maler, Bildhauer, Bühnenbildner, Choreograf und Kunsttheoretiker versuchte Schlemmer die verschiedenen Kunstgattungen zu einer totalen Kunst zu vereinen. Er experimentierte vor allem mit der (abstrahierten) Darstellung der menschlichen Figur, ohne einer bestimmten Stilrichtung anzugehören. Schlemmers Werk wurde zum Bestandteil einer neoklassizistischen Rückbesinnung. Er näherte sich zeitweise dem Expressionismus und verwendete Elemente der „Pittura metafisica“. Am besten lässt sich sein reifer Stil, die Figur im Raum, als eine vom frühen Kubismus Pablo Picassos und André Dereinst stark beeinflusste geometrische Abstraktion gegenständlich gebundener Bildzeichen um-schreiben. 

1905 schrieb sich Schlemmer an der Stuttgarter Akademie ein, wo er mit Willi Baumeister und vor allem mit Otto Meyer-Amden Freundschaft schloß. Meyer-Amden schuf neben Ab­straktionen von Naturbildern auch meditative Werke mit abstrakten Ge­staltungen, um das Lebendig-Organi­sche und das Idealistisch-Geometri­sche miteinander zu verbinden, Ziele, die auch für Schlemmer sehr wichtig wurden. Diese Gedanken öffneten ihm konsequent 1910-1912 in Berlin den Zu­gang zu den Werken Paul Cezannes und der Kubisten. Aus diesen Begeg­nungen entstanden erste Bilder wie Jagdschloß Grunewald (1912, Berlin, Berlinische Galerie), die entsprechend der Auseinandersetzung mit dem Ku­bismus und dem Studium der Form farblich sehr zurückhaltend behandelt waren. Nachdem Schlemmer an die Stuttgarter Akademie zurückgekehrt war, wurde er dort 1912 Meisterschü­ler von Adolf Hoelzel, durch den er in der Ansicht vom Primat rein bildneri­scher Mittel noch bestärkt wurde. Auch die Auseinandersetzung mit Ce­zanne und dem Kubismus ging weiter, und 1913 begann bereits das Bemühen um das menschliche Figurenbild. Ende 1913 beschäftigte er sich mit Wandbil­dern für die Kölner Werkbundausstel­lung 1914, die er unter Leitung Hoel­zels mit Willi Baumeister und Her­mann Stenner ausführte. Dabei näher­te er sich am weitesten dem damals in Deutschland seinen Höhepunkt er­reichenden Expressionismus, doch wird auch hier deutlich, daß er die Tendenz zur Bloßlegung der Struktur und zur geometrischen Vereinfachung stetig weiterentwickelte. In zwei wich­tigen Bildern von 1919, Plan mit Figu­ren (Stuttgart, Staatsgalerie) und Mann mit Fisch (Stuttgart, Sammlung T. Schlemmer), kombinierte er figurale Abstraktionen mit kubisch-konstruk­tivistischen Flächenverspannungen. 

1920 wurde Schlemmer ans -> Bau­haus berufen, zuerst als Leiter der Metallwerkstätte, dann, 1922, der Bildhauerwerkstatt. Er begann hier mit Wandbildern und -reliefs für das Werkstattgebäude des Bauhauses (spä­ter von den Nationalsozialisten zer­stört). Der Tänzer: Weiße Figur (1923, Stuttgart, Staatsgalerie) zeigt Ähnlich­keit mit der Pittura metafisica, die als Unterströmung bis in die dreißiger Jah­re weiterbestehen sollte. Ab 1924 fand Schlemmer dann zu seinem »typi­schen« Stil in Bildern wie Frauentreppe (1925, Basel, Kunstmuseum), Kon­zentrische Gruppe (1925, Stuttgart, Staatsgalerie), Fünf Figuren im Raum (Römisches) von 1925 (Basel, Kunst­museum): Die Figur des Menschen wird Mittelpunkt, in puristischer Strenge, reduziert auf das überindivi­duell abstrahierte »Typuszeichen« Mensch, als figurales Zentrum einer geometrischen Ordnung, die sich in ihren Maßbeziehungen als elementa­res Abbild universaler Harmonie ver­steht. 

Schon ab 1920 hatte Schlemmer an Ballettinszenierungen gearbeitet, dem » Triadischen Ballett« (erste Gesamt­aufführung 1922 in Stuttgart) und dem » Figuralen Kabinett« (1922 in Weimar aufgeführt), in denen er die Tänzer in» abstrakte« Verhüllungen kleidete, um die Formen und mechanischen Funk­tionen des Körpers in plastischen Ab­straktionen wiederzugeben. 1925 über­nahm er im Bauhaus auch die Ver­suchsbühne und wollte sich dann ganz dem Theater widmen. Dort entstan­den u.a. Inszenierungen wie »Raum­tanz« (um 1926/27) und »Stäbetanz« (1927). Außerdem schrieb Schlemmer Texte und Manifeste zum Thema Theater (»Kunst und Bühne«, 1924; »Abstraktion in Tanz und Kostüm«, 1928).

1928 -30 schuf er neun Wandbilder für den Brunnenraum des Museums Folk­wang in Essen und wandte sich wieder verstärkt der Malerei zu. In diesen Jah­ren nahm die Zahl der Figuren auf sei­nen Bildern zu (Vierzehnergruppe in imaginärer Architektur, 1930, Köln, Museum Ludwig). 1929 schon hatte Schlemmer eine Professur an der Bres­lauer Akademie angenommen, und ab 1931 begann er mit einer »barocken Pe­riode«, um den statisch-konstruktiven Bildaufbau zugunsten größerer Emo­tionalität zu verlassen. In dem be­rühmten Bild Bauhaustreppe (1932, New York, Museum of Modem Art) kehrte er jedoch in Treppen- und Ge­länderszenen wieder zu geometrisch gebändigten Formen zurück (Szene am Geländer, 1932, Stuttgart, Sammlung D. Keller).

1933 von den Nationalsozialisten diffa­miert und seines Amtes enthoben, ließ sich Schlemmer 1934 in Eichberg in Südbaden nieder. Ab jetzt gestaltete er kleinere Formate mit verdichteten, weniger weiträumigen Kompositionen und freierer Formgebung. Seit 1936 ge­wann die Farbe zusehends an Selbstän­digkeit. Nachdem er 1937 Ausstel­lungsverbot erhalten hatte, entstanden 1942 – inzwischen war Schlemmer in Wuppertal – als letzte Arbeiten acht­zehn »Fensterbilder«, in denen er medi­tative und auf einfachste Sachlichkeit reduzierte Aspekte vereinigte. Schlemmers bildhauerische Arbeiten stammen überwiegend aus der Zeit zwischen 1919 und 1923. Das überge­ordnete Prinzip des Tektonischen und das Verhältnis der Plastik zur Bau­kunst bestimmen seine Reliefs ebenso wie die Wandgestaltung. Abstrakte, u. a. zylindrische Elemente im Zen­trum einer vierteiligen Holztafel und plakative, spannungsreich nebeneinandergesetzte Farben kennzeichnen das Relief Ornamentalplastik auf ge­teiltem Rahmen (1919/1923, Düssel­dorf, Kunstsammlung Nordrhein­Westfalen). In der Folge tauchten auch in den Reliefs (Relief JG, 1919/1921, Düsseldorf, Kunstmuseum), vor allem aber in den Rundplastiken anthropo­morphe Strukturen auf, so bei der aus verschiedenen geometrischen Elemen­ten geformten, ein »idealisiertes Menschenbild« (Schlemmer) repräsen­tierenden Abstrakten Figur (Freiplastik G; 1921-23, Stuttgart, Staatsgalerie). Neben der Wandgestaltung im Werk­stattgebäude des Bauhauses in Weimar (zerstört) zählen zahlreiche unausge­führte Entwürfe u. a. für Drahtplasti­ken zu Schlemmers skulpturalem Werk. Verwirklicht wurde z.B. die Federzeichnung Homo, Figur T (um 1921/22, Stuttgart, Staatsgalerie) in der Wandgestaltung im Haus Dr. Rabe in Zwickau, Sitzender Homo mit Rückenfigur auf der Hand, Koordina­tenelement (Sonne und großes Profil; 1930/31). Mit dieser »Metallurgie« vollzog Schlemmer »die drei letzten Stadien der plastischen Entwick­lung … : die durchbrochene, die schwe­bende und im Ansatz schon . . . die lichtkinetische Plastik« (K. v. Maur). Seine Lehrtätigkeit vor allem am Bau­haus in einem universalen Unter­richtsprogramm (»Der Mensch«), spä­ter an den Vereinigten Staatsschulen für Kunst und Kunstgewerbe in Berlin (Studien zur Perspektive«) hat blei­bende Wirkungen hinterlassen.

Oskar Schlemmer, Relief H., 1919. Gips und Reste in gelblicher Ölfarbe, 67,2/67,5 x 28/27,4 x 3,7 cm. Duis­burg, Wilhelm-Lehmbruck-Museum. (Dauerleihgabe Sammlung und Archiv für Künstler der Breslauer Akademie.)

Bildbetrachtung

OSKAR SCHLEMMER,
VIERZEHNERGRUPPE IN IMAGINÄRER ARCHITEKTUR
 

Die »Vierzehnergruppe« leitet die erste Serie der Breslauer Bilder Schlem­mers mit ihren vielfigurigen Gruppierungen ein. Die massive Ballung von plastischen Körpern beginnt den perspektivischen Raum weitgehend zu verstellen. Haltung und Gestik der Gestalten, ihre vielfältigen Überschnei­dungen, ihre Staffelung und Massierung ergeben einen Aufbau, der im we­sentlichen von Körperformen getragen wird. Über die Raumarchitektur herrscht die organische Architektur der Figuren. 

In der menschlichen Gestalt entdeckte Schlemmer den Träger von Symbo­len, eine Harmonie von Mensch und Umraum. In den Figurengruppen sah er eine Synthese von Formerneuerung und Ideentiefe, von mathematischer Konstruktion und idealistischer Haltung. Die dämpfende Grauschattie­rung hat Schlemmer erst 1936 angebracht, um das Inkarnat der Figuren und ihre Plastizität zugunsten der Flächenwirkung zurückzunehmen: »Das Grau ergibt Ton, Atmosphäre, jene Fülle« (Schlemmer).

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